Zur Wesensbestimmung der modernen Theodizee

 

Gedanken im Vorfeld einer psychologischen Ontologie

 

 

 

Dieser Artikel ist Teil einer dreiteiligen Serie, die ich vor ca. einem Jahr verfasste. Vieles würde ich heute anders schreiben und einiges anders Denken…

Der Begriff Theodizee wurde eingeführt von Gottfried Wilhelm Leibniz in seiner vielleicht bedeutsamsten Schrift Theodicée und beschreibt die Rechtfertigung Gottes mit juristisch-philosophischen Mitteln. Diese Rechtfertigung wurde notwendig, als die Erkenntnis,

 


dass trotz der unendlichen Güte beziehungsweise Liebe und der Allmacht des Demiurgs, Gottes, Leid in der Welt herrscht. Im Grunde genommen führt Leibniz nur die Gedanken Augustinus fort, indem er drei Arten des Leides, des Übels bzw. des Bösen postulierte: das metaphysische Böse, das ein Resultat der Schöpfung selbst war, die, man denke an Platons Methexis-Mythos, durch ihre Natur als Geschaffenes prinzipiell unvollständig sein muss; das moralische Übel, welches man gemeinhin als Sünde bezeichnet und durch das metaphysische Übel möglich wird[1]; und zu guter Letzt das natürliche Übel, das als Strafe für das moralische Böse zu verstehen ist. Trotz alledem lesen wir heute in seinen Texten immer wieder Passagen, nach denen wir in „der besten aller möglichen Welten“ leben. Pierre Bayles, Voltaire, Schopenhauer und viele andere entlarven ihn und die anderen Anhänger des (z.t. historischen) Optimismus des Zynismus: Indem sie das Leid rechtfertigen, mildern sie das Leid der Opfer nicht im Geringsten, sondern negierend dieses geradezu; indem sie sagen, Gottes Wege seien unergründlich, das gegenwärtige Leben sei Mittel zum Zweck, verhöhnen sie die Opfer der Welt. Damit verneint Schopenhauer, den ich hier als Galionsfigur dieser Bewegung verwende, jegliche Theodizee, doch wenn Leibniz der Realität entfremdet war, indem er sie idealisierte, so kann man dies von Schopenhauer gleichermaßen behaupten. Es ist die Tendenz des Leidenden, Rechtfertigung, Erklärung zu suchen! Es sind weniger die Theologen[2], die dieser Rechtfertigung benötigen, sondern die Betroffenen selbst! Was im Menschen ist es nun, das Erklärung verlangt? Zur Beantwortung dieser Frage wende ich mich der Situation des modernen Menschen zu:

 

Die Materialisten habe ihn im Dienste der kartesianischen Logik zu einer reinen Maschine gemacht. Diese Bewegung führt, ganz naiv und ohne jegliche Hintergedanken, die Medizin fort. wie jede Maschine hat nun auch der Mensch einen Plan nach dem er funktioniert: den Referenzmenschen; und wie jeder Plan hat auch der Referenzmensch eine gewisse Fehlertoleranz, einen Bereich, in dem er „wie geschmiert und neu geölt“ bis „knarrend, stotternd und knirschend“ funktioniert. Auch den Solipismus mimen die Nachfolger des Aesklepios, indem sie den Menschen bürokratisieren. Der Mensch geht, nicht nur in der Medizin, unter im Strudel der Bürokratie. Während der Solipismus immerhin auf eine Idee reduzierte, wird er in der Bürokratie eine Nummer auf einem vergilbenden Papier oder besser gesagt, ein binärer Zahlencode auf einem verstaubenden Magnetband, einer Festplatte, wenn er glück hat. Stirbt er im Krieg und seine Identifikationsmarke wird nicht gefunden, so wird dem Menschen sogar der Tod verwehrt.

 

Freud immerhin hat den Menschen ernst genommen…und ihn zu einem, von seinen Treiben gesteuerten Primitivling, ist man Pessimist, sogar Perversen gemacht: Wer verspürt, wenn er ernsthaft darüber nachdenkt, denn nicht Brechreiz aufkommen angesichts der Tatsache, dass man seinen Partner auswählt, weil er wie die Mutter ist, die man mit der Bewusstwerdung der eigenen Existenz verloren hat? Wer verzweifelt nicht angesichts des Blicks, den Freud durch uns hindurch wirft und uns freiwillig oder nicht auf den Sezierteller legt? Wer bekommt nicht Mindwerwertigkeitskomplexe angesichts der Homogenität, in der sich der Einzelne dank Freud, Asklepios und Stein-Hardenberg[3] selbst nicht mehr findet. In dieser Welt ist nun Bayles einziger Ausweg verstellt: die Unterdrückung des Verstandes und das Vertrauen in Gott[4].

 

Ohne Gott scheint die Notwendigkeit der Rechtfertigung des Leids verschwunden zu sein. Doch der Erklärungsbedarf ist nicht an Gott gekoppelt, sondern liegt in der Natur des Menschen: Warum leide ich? Mit dem Vertrauen in Gott ist leider auch Gott als Schuldner gegenübetr den Menschen gestorben. Die Psychologen, in ihrem Pragmatismus haben natürlich erkannt, dass die frei gewordenen Stelle, für die sich zwar niemand freiwillig bewerben würde, besetzt werden muss. Das Resultat ist allgegenwärtig: motherhunt, so der englische Fachausdruck, bezeichnet die Tendenz der Psychologen und ihrer Patienten, die Mutter für alles verantwortlich zu machen. „Wäre sie eine bessere Mutter für mich gewesen, mir ginge es blendend und mir würden sich keine Probleme in den Weg stellen“ scheint der Losungssatz für die Tore des modernen Paradieses zu sein, doch, wie Eckhart Schiffer in „Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde“ darlegt, gilt es njicht einen Schuldigen auszumachen, sondern um Lösungen zu ringen[5]

 

Da nun Gott weggefallen ist, macht es keinen Sinn mehr, von Theodizee zu sprechen. Deshalb wird hier der Begriff Katodizee[6] eingeführt. Er, Gott kann also nicht den Ursprung des Leids darstellen. Die Existenzialisten sind dem Ursprung schon bedeutend näher gekommen, wenn sie, wie Sartre von der Kontingenz der menschlichen Existenz sprachen. Die Erfahrung der Kontingenz, die in dem „absurden Menschen“[7] stattfindet, ist nun direktes Resultat des Verstandes, der, weil er das Element des menschlichen Bewusstseins ist, das Erklärung verlangt, über die Kontingenz das Leid durch Aufbegehren hervorruft. Wie nun kann dies geschehen?

 

Die Funktion des Verstandes ist es, zu ordnen. Wie Schopenhauer erkannte, dient der Verstand dazu, Affekte, aber auch alle anderen Erfahrungen, ob nun sensorischer oder reflexiver Natur, in das bereits bestehende Werte- und Erfahrungssystem einzuordnen, kann jedoch selbst zum Affekt werden. Während allerdings Schopenhauer diesen Verstandes-Affekt regulierende oder eindämmende Wirkung zuspricht, so bin ich der Meinung, dass dieser Affekt der Grund ist für das momentane Hoch der psychosomatischen Erkrankungen und mit ihnen (und den verwandten seelischen Erkrankungen) der Psychotherapeuten, denn dadurch, dass das Ausleben der Affekte unterdrückt werden muss in der gegenwärtigen Gesellschaft, treten sie in veränderter Form wieder auf. Warum sollte nun der unterdrückende Verstandes-Affekt eine solche Wirkung hjaben? Dazu muss man zuerst erklären, was ich unter dem Verstandes-Affekt verstehen. Wie ich darzulegwen versuchte, ist die aufgabe des Verstandes ordnend. Dies ist durchwegs evolutionsbiologisch zu sehen: Der Verstand ist es, was uns von den Primaten abhebt; durch ihn erst, wird die differenzierte Kategorisierung möglich, mit der wir entscheiden können, auf welche Reaktion wir wie zu reagieren haben. Beispielsweise, wie man ein bestimmtes Tier erlegen kann, oder welche Emotion man wie (oder heute eben nicht) ausdrückt,…jegliche Gesellschaftsform, ja jegliches menschliche Dasei sind ohne diese differenzierte Kategorien nicht vorstellbar.

 

Ausdruck des Verstandes ist die Logik, doch wie der Satz von Pythagoras nur in der euklydischen, nicht aber in der riemannschen Geometrie anwendbar ist, funktioniert auch diese nur in einem geschlossenen Bereich, über den sie nicht hinazusgehen darf, will sie nicht verzweifeln. Gödel hat dies in der Mathematik wunderbar mit dem Unvollständigkeitstheorem gesagt. In freier Interpretation lautet dieses ungefähr so: In jedem geschlossenen System wird sich durch die Elemente des Systems selbst ein Problem ergeben, das sich innerhalb des Systems nicht lösen lässt und somit auf ein höheres System verweißt. Ein Beispiel hierfür ist die Menge, die alle Mengen enthält, die sich nicht selbst enthalten per die Aussage des Kreters, alle Kreter seien Lügner. Stellt man die Frage, ob die Menge sich selbst enthalte, oder ob nun alle Kreter Lügner seien, gerät man in eine logische Rückkoplung, in der jede Aussage unmöglich wird[8]. Solche Bereiche, in denen Logik bzw. der Verstand unmöglich wird, bestehen nicht nur in der abstrakten Welt der Mathematik, sondern auch konkret in der Realität. Die Chaosforschung, deren Funktion man als reales Pendandt zu dem, auf sich selbst zurückgreifenden Verstand sehen kann, hat dies eindrucksvoll gezeigt. Nun findet sich der Verstand einer Welt gegenüber, die nicht rein nach den Gesetzen des linearen Verstandes abläuft. Das ist das eigentliche Leid der Menschen. Der Ausdruck „die Welt ist zerbrochen“ spiegelt nur die Diskrepanz zwischen der Forderung des Verstandes nach Ordnung und der Sinneserfahrung der Unordnung wider. Wird dies erkannt[9], kann der Mensch a posteriori mit jener „zerbrochenen Welt“ meist wesentlich besser umgehen und kann sich gezielt an die moralische Handlung machen, die, wie Kant dargelegt hat, in dem Versuch, Leibniz’ beste aller möglichen Welten zu realisieren besteht.

 


[1] Genaugenommen sagt Leibniz, dass sich die Liebe Gottes in dem Geschenk der Willensfreiheit manifestiert, durch die die Möglichkeit der Sünde gegeben ist. Bayle wird dieses Argument in seinem Dictionaire aufs gröbste parodieren und die Entwicklung der Utilitaristen („von der absoluten Freiheit bin ich zum absoluten Despotismus gelangt“ [Dostoyewskij – Dämonen]) vorwegnehmen

 

[2] in ihrem „Amt“ als Theologen, nicht als Menschen

 

[3] Die man als die Urväter der Bürokratie ansehen kann

 

[4] Auch wenn, wie ich glaube, dies für Baile nur eine Farce war, um der Inquisition zu entkommen

 

[5] freie Wortwahl

 

[6] kâto, altgriech. für Welt, in der Logik weiter unten stehendes, dike griech. für Gerechtigkeit

 

[7] Camus

 

[8] die beiden Paqradoxons funktioniren im Grunde genommen nach demselben Prinzip: ein Element wird durch sich selbst definiert, was in einen infinitiven Regress führt

 

[9] diese Erkenntnis kann natürlich vorerst nur intelektuell geschehen. Um die Wirkung zu entfalten, muss sie, zumindest bis zu einen gewissen Grad in das „Gefühl“, die „Intuition“ des Menschne eingehen

    • Sosnitza
    • 27. Juni 2008

    Vielleicht ist es so, dass das Negative in die Schöpfung hineingekommen ist, um in einem unfassbar komplexen Prozess das Leben zu seiner im Menschen gipfelnden Höhe unter den wachsamen Augen Gottes sich entwickeln zu lassen. Die berühmte Frage, ob Gott einen Stein erschaffen könnte, den er selbst nicht heben kann, ist nach der normalen Logik nicht lösbar. Aber sie ist beantwortbar nach der paradoxen Logik des Heraklit (siehe auch Erich Fromm, Die Kunst des Liebens). Für mich versuche ich die Frage so zu lösen, dass ich eine Art von Zeitfaktor einführe: Gott kann – denn er ist allmächtig – sehr wohl einen für ihn nicht hebbaren Stein erschaffen. Aber er kann anschliessend diesen Stein doch wieder hebbar machen, ja sogar zwischen diesen (für uns) unvereinbaren Extremen hin und her pendeln. Nach der paradoxen Logik könnte er gleichzeitig eine Schöpfung installieren, die nach dem Zufallsprinzip funktioniert (Darwinismus) u n d zugleich unter seiner Leitung steht. Das Positive und das Negative sind in ihm vereinigt, sie sind m. E. nicht das Produkt eines Sündenfalls oder des Teufels – der Teufel, das sind wir!

    Gott ist positiv u n d negativ, insoweit sind wir ihm schon sehr ähnlich. Vielleicht ist das der Sinn der Schöpfung, ihm so ähnlich wie möglich zu werden. Ich weiss, dass meine eher kümmerlichen Überlegungen philosophisch Geschulte nicht zufriedenstellen werden. Ich würde mich freuen, von allen, die meine Zeilen lesen, eine Nachricht zu erhalten.

  1. 25. Oktober 2007
    Trackback from : Die Katodizee « vorblog
  2. 1. November 2007

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