Noch nie hatte sich Kien…

„Noch nie hatte sich Kien so tief in einem Menschen eingefühlt…“(Elias Canetti – Die Blendung) – es scheint fast so, wie Zynismus, wenn man bedenkt, dass die Seite davor beschreibt, wie Kien seine eigene Geschichte auf den Zwerg Fischerle überträgt. Canetti scheint, ähnlich wie Dostojewkij ein Freund der Winkel, in diesem Fall der Blickwinkel zu sein. Im gegensatz zu Dostojewskij aber verwendet Canetti sein Vermögen, sich mit anderen Blickwinkeln zu schmücken dazu, den Menschen in seinen Träumen lächerlich zu machen und zu pathologisieren. Zwar sind die Träume der Charaktere in ihren Grundzügen erhaltender, bzw. aufrechthaltender Natur – Therese schlägt „Pudas“-Grob’s Vorschlag, Kien zu vergitfen in den Wind,weil sie davon träumt eine „anständige Frau“ zu sein, eine Frau von Namen – später tötet sie ihn nur deswegen nicht, weil er noch kein Testament zu ihren Gunsten geschrieben hat; Fischerle bestiehlt in nicht, weil das seinen Traum Schachweltmeister in Amerika zu werden zu stark gefährden würde; das beste Beispiel aber bleibt Kien selbst: er macht nach dem Rauswurf nur aus dem Grund nicht Schluss, weil er glabut, zu seinen Büchern zurückkehren zu können – Die Vergangenheit als Gott, weil die Zukunft die Gegenwart zur Vergangenheit macht, die damit wächst und alles (bisher geschehene) weiß – sind also systemisch betrachtet etwas positives, doch Canetti stellt dieser systemischen Betrachtung die Menschen gegenüber. Anschließend wird auch das systemisch-Positive verneint: Eskalationen, wohin das Auge blickt!

Weiters nimmt er die Träume seiner Charaktere her und macht sie, dem Konstruktivismus gemäß zum Thema der literarischen Realitäten. Zur Verdeutlichung legt er jedem Charakter einen Gegenstand bei, den er/sie beinahe wie Fetisch behandelt: Therese ihren Rock, dem Hausbesorger seine Fäuste, Fischerle seinen Buckel und Kien? Klar sind seine Bücher fetischistische Subjekte. Sie nehmen die Stelle seines Charakters ein – nicht umsonst denkt er in Zitaten. Seine Bibliothek wird so zum Ausdruck eines starren Charakters, der sich, wie er selber eingangs erwähnt, nicht weiterentwickelt. Therese bricht in diesen geschützten Raum doppelt ein: einmal als Person, zuerst auf ihre Stimme und den blauen Rock reduziert und ein zweites Mal mit den Möbeln, die sie in seine Bibliothek stellt und somit Ablenkung in seinen Verstand bringt – er schließt in Reaktion die Augen und lernt blind sein.

Mit seinem Rausschmiss dann wird er scheinbar zum Philantrop…nun ja, wie gesagt…nachdem er seine eigene Leidensgeschichte überträgt…

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