Die Katodizee

Eine psychologische Ontologie

Wie versprochen: die Fortsetzung. Immer noch gilt, was ich am Anfang des ersten Artikels geschrieben hab: Ich kann nicht mehr mit gutem Gewissen völlig hinter allem geschriebenen stehen

Im letzten Teil habe ich mich mit der Situation des modernen Menschen auseinandergesetzt und gesehen, dass er sich in einer verzweifelten Lage befindet. Durch die verschiedenen Ausformungen der Bürokratie verliert sich seine Existenz in einem binären Zahlencode und durch die freud’sche Psychoanalyse verliert der Mensch seine Würde. Wir erkennen somit, dass sowohl Bürokratie als auch Psychoanalyse dem Menschen seine Identität stehlen, was der eigentliche Grund für die Notwendigkeit der Katodizee ist. Dieser Diebstahl der Identität geschieht auf zwei Hauptwegen: Wenn wir die Methode und die Auswirkungen der freud’schen Psychoanalyse genauer untersuchen, erkennen wir, dass sie den Menschen aus der Heimeligkeit der eigenen Identität vertreibt. Wer man ist, kann man nun nicht mehr voll akzeptieren. Die fehlende Akzeptanz der Anderen kann durch die Akzeptanz weniger oder, viel bedeutsamer noch, das Akzeptieren des eigenen Ichs aufgewogen oder zumindest gelindert werden. Diese scheinbar unbedeutende Revolution – „Ich bin der, der ich bin, selbst wenn du es nicht verstehen magst“ – entpuppt sich als das Wesen dessen, was man gemeinhin unter innerer Stärke kennt. Bevor die volle Bedeutung und Konsequenzen des eben Gesagten völlig klar werden, ist es nötig einige weitere Untersuchungen vorzunehmen.

Die Heimeligkeit der eigenen Identität entsteht nun aus dieser Akzeptanz sich selbst gegenüber. Für die meisten Menschen jedoch ist diese Akzeptanz immer von etwas Mystischen umgeben. Ich wage sogar zu behaupten, dass jenes, wie ich es nennen werde, mystische Element bei jedem Menschen zum Tragen kommt. Was nun ist dieses mystische Element? Es ist nichts anderes, als die Tatsache, dass der Mensch sich selbst nicht voll und ganz akzeptieren kann, sondern es immer Bereiche der menschlichen Existenz geben muss, die aus dem menschlichen Bewusstsein, das, wie schon Schopenhauer erkannte, nur die Oberfläche der menschlichen Psyche 2 darstellt, verdrängt werden müsse. Hier sind die verschiedensten Affekte und Triebe zu nennen . Was Sartre mit Anwesenheit bei sich als der Seinsmodus des Für-Sich benennt , ist in Wahrheit eine psychologische Notwendigkeit, die das normale (Zusammen-)Leben erst ermöglicht, indem sie verhindert, dass sich der Mensch vor sich selbst zu ekeln beginnt. Das Ich idealisiert sich selbst! Diese Idealvorstellung von Sich, die ich bin nach dem Modus, es sein zu müssen, stelle ich nun mir gegenüber auf. Das ist die Anwesenheit bei sich, denn meine Idealvorstellung von mir ist in seiner Natur auf mich zurückweisend. Sie erhält ihre Substanz oder ihr Sein von dem Ich, welches sich auf die Idealvorstellung hin transzendiert und über dieses Transzendieren ihr Sein auf die Idealvorstellung überträgt. Die treibende Kraft hierfür ist der Gesellschafstrieb, der die Notwendigkeit, für die Anderen in möglichst gutem Licht dazustehen, verinnerlicht. diese Idealvorstellung umgibt das mystische Element in der Form, dass es die psychologische Realität vor sich selbst verbirgt .
Das mystische Element ist also Teil einer jeden gesunden Psyche, doch der durchdringende Blick Freuds zerstört das mystische Element, indem es durch den Schleier sticht, der das Ideal, das Ich Bin umgibt und die Triebe, die Affekte und all jene psychologischen Realitäten, die das mystische Element als negative Aspekte der menschlichen Existenz versteckt, offen darlegt. Mit dem Verlust dieser Barriere gegen sich selbst, fällt nun auch die Heimeligkeit der eigenen Identität, von der wir ausgegangen sind.
Der zweite Aspekt, über den dem Menschen die Identität genommen wird, ist die Pauschalisierung, die nicht nur der Bürokratie eigen ist. Der Mensch wird nicht mehr als Individuum, als Mikrosphäre, als Wunder genommen, sondern versinkt in der Masse der Statistiken. Man kann diese Wendung als Ersatz für die verlorenen Idealisierungen des Selbst sehen, die die Art und Weise, wie der Mensch in der Masse verschwindet, zeigt, dass die Homogenität der Menschen wiederrum durch Idealisierung im Sinne der Reduktion auf bestimmte fremdbestimmte Merkmale, wie Herkunft, bisherige Verletzungen, Alter, … stattfindet. Dass diese Ersatzhaltung unbefriedigend ist, ist klar. Wie Elfriede Jelinek in ihrem Roman „Die Liebhaberinnen“ zeigt, führt die eigene Identitätslosigkeit, die vom jeweiligen Umfeld gemacht wird, zu Hass auf alles. Hiermit gewinnt die Katodizee die ethische Rechtfertigung zurück, die der Theodizee von Voltaire genommen wurde, denn ihr Ziel ist es einerseits, den Leidenden tatsächlich Trost zu spenden („wenn auch nur“ temporären Trost, was einen gravierenden Unterschied ausmacht) und andererseits das Verhindern jenes Hasses, der wiederum Grund für das Leid vieler ist . Die Identitätslosigkeit, aus der der Hass, das aufrecht erhaltende Element bei Jelinek entspringt, ist der Punkt, an dem man ansetzen muss, will man ein System der instrumentalisierten Gewalt, wie sie in „Die Liebhaberinnen“ dargestellt ist, positiv auflösen.

Wir wissen nun, woher das Leid des modernen Menschen kommt. Um der Klarheit willen muss hier erwähnt werden, dass dies des Leid des modernen westlichen Menschen ist, wobei westlich nicht geographisch, sondern ideologisch zu verstehen ist. Eine Katodizee, die das Leid der dritten Welt mit einschließt, ginge über den Rahmen des Artikels hinaus.
Nun endlich sind wir bereit, die, wie ich sie nannte „scheinbar unbedeutende Revolution“ gebührend zu behandeln:
Wie Camus in „Der Mythos des Sisyphos“ darlegt, sollte die Aussage „Ich bin der, der ich bin“ korrekterweise so lauten: „Ich bin ein Wesen, das es verdient, der Natur des Menschen gemäß behandelt zu werden. Behandle mich so!“
In dieser Formulierung ist die Revolution plötzlich gar nicht mehr so klein. Die Bedeutsamkeit liegt in „gemäß der Natur des Menschen“. Mit diesen Worten affiziert sich der Revoltierende mit jenem anthropologischen Wert, den er allerdings selbst erst in seiner Forderung setzt. Bevor der Revoltierende nicht für diesen Wert eintritt, hat es keinen Sinn von einem solchen zu sprechen. Doch ein anthropologischer Wert kann nicht von einer einzelnen Person gebildet werden, denn ansonsten wäre es keine Natur „des“ Menschen, sondern vielmehr Natur dieses individuellen Wesens und als solches veränderbar. Wie wir sehen, ist die gesamte Menschheit Garant für die Unwandelbarkeit und somit Unangreifbar jenes Wertes, den der Revoltierende in sich bedroht sieht. Insofern verbindet sich der Revoltierende in seiner Revolution mit der gesamten Menschheit; indem sie aber Garant für das eigene Wesen ist, findet der Revoltierende sich durch diese stets ideell-ideal bleibende Menschheit akzeptiert. Die Tatsache, dass sie zu jedem Zeitpunkt ideel-ideal bleibt, verhindert, dass die Akzeptanz, die er durch diese erfährt, als Lüge entlarvt wird. Gleichzeitig unterstützt sie den natürlichen Heilungsprozess des mystischen Elements. Da dies ein Prozess ist, muss sich die Revolution des Heilenden immer neue Ziele setzen, um nicht zu versiegen und den Prozess vorzeitig zu stoppen. Ich bin mir nun sicher, dass diese Suchende Revolution in eine Kaskade führt, mit der ich gleichzeitig meine Ethik begründen werde: In Selbstbeobachtung habe ich bemerkt, und ich glaube, dass ich hier keineswegs eine Ausnahme darstelle, dass der Suchend-Revoltierende seine Revolution auf die „soziale Schiene“, wie sie heute etwas diskriminierend genannt wird, lenken wird. Was ist damit gemeint? Gemeint ist, dass er, der selber „von der Welt missbraucht worden ist“, sich derer annimmt, bei denen er ein ähnliches Schicksal erkennt oder vermutet. Durch diese Erkenntnis wird gleichzeitig die Abstraktheit des „Du tust dir damit doch selbst etwas Gutes“ genommen. Dieser Satz wird oft als logisches Argument gegen das sogenannte Helfer- bzw., Retter-Syndrom verwendet, ohne dessen Inhaltslosigkeit zu beachten. Da nun das Abstrakte abfällt, wird diesem Satz nun auch Bedeutung eingehaucht.
Wir wissen also, dass die Wurzel der Identitätslosigkeit in der fehlenden Akzeptanz liegt, die dem Betreffenden durch die Umwelt oder durch ihn selbst entgegengebracht wird. Der Revoltierende, der sich nun bereits selbst helfend betätigt, kann sich diese Tatsache zu Nutze machen, indem er dem Betreffenden uneingeschränkte Akzeptanz entgegenbringt. Gerade was die Depression, für die unser Zeitalter so bekannt ist, anbelangt, habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Mensch als Totalität angenommen werden muss und nicht als Kranker. Ich wende mich hiermit gegen die Tendenz der Medizin und Psychotherapie, schlichtweg alles eine Krankheit zu nennen. Der Begriff der Krankheit ist, ohne jegliche Romantik gesprochen, selbst erkrankend . Wichtig ist vor allem, den Menschen in seiner Trauer, in seinen Leidenschaften und in seiner Fragmentierung voll anzunehmen. Erst aus diesem Angenommen-Fühlen kann sich der Mensch in ein gesundes Verhältnis zu seiner „Krankheit“, zu sich selbst setzen. Ich muss also, will ich den Grund meiner eigenen Genesung, der in Verbundenheit mit einem, zwar faktisch ideellen, aber für mich doch real wirkenden Wesen liegt konsequent umzusetzen, den Betreffenden, ja den Menschen allgemein akzeptieren ohne zu fragen „warum tust du das“. dies führt dazu, dass mein Gegenüber langsam, aber sicher sein mystisches Element und mit jenem seine Menschlichkeit wiedererlangt.
Dies, so zeigt sich, ist die wahre Natur der (westlichen) Katodizee.

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