Brüder des Universellen Menschen

Fini! Finally! tja…wenn man nicht zum lesen kommt…=(

Jedenfalls hier noch ein Artikel über den Universellen Menschen und die Gegenüberstellung der Kien-Brüder. Vielleicht folgt noch ein abschließender Artikel – einer, der in sich geschlossen ist – vielleicht auch nicht…mal sehn.

Man kann Peter Kien als Prototypen eines fanatischen Gelehrten ansehen. Insofern erlangt „Die Blendung“ heute politische Brisanz. Betrachten wir nun vorerst Peter ausschließlich in dieser Rolle: Er spricht von sich selbst als Atheist, doch seine Religion ist das Wissen, das geschriebene, erkaltete, tote Wort. Beschrieben sind nur zwei Erlebnisse, bzw. Abenteuer: sein Bibliotheksbesuch, bei dem sich Geister auf die Bücher setzen. Im Verlauf der Zeit werden die Bücher zu Manifestationen der Geister. Aus ihnen heraus zieht er seine einzigen Gesrpächspartner und Meister – Konfuzius als einer von ihnen. Sehr einprägsam ist auch die Szene seiner Kampfrede vor seiner Bibliothek oder auf den letzten paar Seiten die Buchstaben, die ihn zu ermorden versuchen – alles Beispiele von anthropomorphisierten Büchern. Das zweite Abenteuer ist seine Erfahrung mit Therese, der Blauen. Für die Entwicklung zum fanatischen Gelehrten sind diese beiden Ereignisse entscheidend: Ersteres ist der Anstoß zur Bildung, zur Gelehrsamkeit, zur Bibliophilie. Über sie füllt er sein Erinnerung aber auch seinen Verstand an. Nun tritt das zweite Ereignis ein: Therese und daraus folgend der Hass auf sie. Der, auf die Frau verallgemeinterte Hass dient nun als Filter für den Verstand und für die Gelehrsamkeit: Stundenlang durchforscht er Geschichte und Mythik für Beispiele weiblicher Entartung (Verrat, Mord, Verführung, Intrigen,…) – Positivbeispiele übersieht er gewissenhaft. Schlussendlich führt ihn sein rekursiver Hass (rekursiv in dem Sinne, als dass er sich selbst nährt) zu dem Punkt der Rache, wobei er seinen Hass ausweitet, auf alle, die ihm in Zusammenhang mit der Frau auffällt. Für seine Rache nimmt er auch den eigenen Tod in Kauf. Auch sieht Peter sich als Humanist, handelt der (seiner!) Gerechtigkeit gemäß und stellt sich selbst auf göttliche Ebene. Zum Beispiel fordert er die Schaffung einer Hölle (hier erinnert mich Canetts Wortwahl stark an „Gäbe es keinen Gott, so müsse er erfunden werden“). An anderer Stelle ruft er empört aus, „Soll mir weniger erlaubt sein als dem Tod?!“(S.479)

Hier lassen sich offensichtlich Paralellen zu heutigen Ereignissen ziehen.

Aber Peter steht nicht nur für einen irregeleiteten Humanisten sondern hat eine grundphilosophische Bedeutung: welche Philosophie ist die Richtige: In Peter und Georg finden wir eine philosophische Gegenüberstellung des apriorischen und des aposteririschen Geistes, sowie die Gegenüberstellung von Masse und Individuum.

Peter in seiner Bücher-/Verstandeswelt bezieht seine Erfahrungen, sein Leben und seinen Charakter aus seinem Verstand, den er mit Wissen füttert. Insofern steht er im Zeichen der Logik. Seine Welt besteht aus geraden Linien – er lebt euklydisch. Obwohl er sich als nicht neugierig bezeichnet, ist er Wissenschaftler und Philosoph – wie das?

Genaugenommen ist er ein Kind: in seiner Arbeit erschöpft er sich mit seinem ganzen Wesen. Wenn er schreibt, so schreibt er ausschließlich – er wird Schreiben (und Denken und Verknüpfen; kurz: seine Arbeit)! In der Psychologie bezeichnet man dieses Phänomen als Flow-Effect. Ursprünglich aufgrund einer verlorenen Zeitwahrnehmung (time-flow) und gesteigerter Produktivität während einer gewissen Tätigkeit entdeckt, ist der Flow-Effect zum Inbegriff erfüllter Arbeit geworden. In ihm geht Peter über sich hinaus:

Sein Charakter, bzw. sein Wesen, das aus Wissen, aus Büchern besteht, kurz: sein lebloses Wesen transzendiert sich auf das Schreiben hin. Gleichzeitig erweckt er die toten Buchstaben in seinem Gedächtnis und vor seinen Augen zum Leben: sein Denken und somit auch die Schrift, in der es sich manifestiert löst sich von einem Zitatdenken ab, hin zu einem eigenständigen und dynamischen Denken. In diesen Momenten wandelt er sich entgegen seinem Schwur, sich, wie ein Buch niemals zu wandeln doch! Schreibt er nicht, so kehrt er in sein starres Wesen zurück.

All diesen Argumenten zum Trotz ist sein Wissen totes Wissen – Peter ist ein Vampier, dessen Wissen über die Welt und das Leben, dessen Philosophie sich aus den Büchern, dem erlebten Wissen Anderer bezieht. Ganz anders sein Bruder Georg: Er, der dem geschriebenen Wort abgeschworen hat (und trotzdem die Abhandlungen seines Bruders ließt – und versteht?) hat sich auf das (er)lebende Wissen gestürtzt. Er lernt und v.a. lebt am Menschen (insofern trifft die Bezeichnung Vampier auf ihn ebenfalls, vielleicht sogar präziser, zu)! Während Peter sein ausdrucksloses Gesicht nicht einmal (an-/er)kennt, benutzt Georg seines bewusst – als Kommunikationsmittel aber auch zur Schauspielerei (im Sinne einer vorgeheuchelten Kommunikation); und in der Erzählung vom Gorilla-Bruder erkennen wir, dass Kommunikation viel mehr ist, als bloß Ausdruck: es ist sein! Es ist das Wesen des Menschen. Bezeichnend also, dass beide Charaktere sich der Philologie verschrieben haben, wobei „logos“ hier nicht als „Wort“, sondern als „Sprache“(in ihrer weitläfigsten Form) verstanden wird! Sprache aber wird in „Die Blendung“ scheibar viel weiter gezogen, als normal geläufig: Sprache inkludiert die Sprache zu sich selbst (vgl. meine Katodizee-Trilogie; Hier mag ich, das gebe ich sehr gerne zu, zu weit gehen). Da Georg sich schlussendlich als lebensfähiger erweist und Peter stirbt scheint es hier eine eindeutige Wertung Canettis der aus Erfahrung gewonnenen Erkenntnis gegenüber der aus Logik erlangter zu geben. Peter’s Feuertod kann man auf der philosophischen metaebene als endgültiges Urteil über den apriorischen Gesit verstehen.

Die Art und Weiße, in der Georg das Wort Masse benutzt, lässt die Vermutung aufkommen, dass es sich hierbei um eine frühere Version des Wortes Kommunikation handelt. Insofern ist die Georg’s Masse die Grundlage dessen, was der Termitenstamm ist: eine Masse/Gruppe (in heutiger Terminologie). Peter auf der anderen Seite ist das typische Individuum, der Außenseiter, der, von der Masse geschlagene Schüler. Zu keinem Zeitpunkt kann dem Leser der Fehler geschehen, ihn als Teil irgendeiner Masse zu sehen. Selbst wenn er scheinbar in den Passanten verschwindet, ist er für uns doch immer ein Einzelner. Dieser Einzelne aber sehnt sich, ganz entgegen dem, was er verlautbaren lässt, nach der Masse, bzw. nach Menschen. Diese Schlussfolgerung ziehe ich weniger aus Peters Heirat mit seiner Wirtschafterin (oder Dienstmädchen?), als aus der Tatsache, dass er sich große M-/G-eister aus seinen Büchern herbeizieht, um mit ihnen zu sprechen, und, wie könnte es anders sein, aus der bereits erwähnten Kampfrede vor der versammelten Bibliothek. Gegenteilig verhält sich der Repräsentant der Masse, Georg: Er gesteht ein, dass er tatsächlich des Lobes braucht – die Liebkosung des Egos. Damit, so scheint es mir (ich hab sein Buch über Massenphänomene nicht gelesen) versucht er eine Erklärung der Masse, wie sie auch heute (in einiger Modifikation uns Spezifikation) noch gültig sein könnte: der Einzelne handelt in der Erwartung der Handlung anderer, wodurch eine Kopplung verschiedener Individuuen entsteht, die sich auzsweitet und schlussendlich in einer undifferenzierten Masse endet. Gleichzeitig verneint er die Möglichkeit der unabhängigkeit des individuums gegenüber der Masse. Wenn man masse durch Staat ersetzt, erhält man wieder eine sehr politische Aussage gegen jegliche Form des politischen oder gesellschaftlichen Nihilismus.


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