Archiv für August 2009

Holocaust-Bildung?

So sehr ich auch Aleida Assmann für ihre medientheoretischen Überlegungen bewundere, in ihrem Artikel über den Holocoaust als Gründungsmythos eines vereinigten Europas (abgedruckt in der Recherche 2/2009) begeht sie einen bereits häufig wiederholten Fehler. Sie scheint, wie einige prominente Fernsehstimmen, zu glauben Aufklärung über den Zweiten Weltkrieg würde einen Rechtsruck unter den Jugendlichen verhindern oder zumindest unwahrscheinlich machen.

Natürlich, was sie unter Aufklärung versteht geht über die Vorstellung jener Fernsehstimmen hinaus, nichtsdestotrotz ist die Grundannahme diesselbe: Dass zu wissen und zu verstehen, was in den Jahren 1933-1945 geschah gleichzusetzen wäre mit der Entscheidung, so etwas dürfe nie wieder geschehen. Und: Dass die Geschichte erzählen bzw. – fortschrittlicher – vor Augen führen der Aufnahme dieser Informationen gleich käme. Weiterlesen

Amgiad & Schahriyâr

Het 1e strofische gedicht (lied) van Hadewijch...

Image via Wikipedia

Zwei neue Gedichte (davon eines ernstzunehmend), ein Gedicht fertig überarbeitet und eine Idee sind keine schlechte Bilanz für einen Tag der Passivität. Besonders die Idee motiviert mich gerade, diesen Eintrag (zu verstehen als grobe Skizze eines Konzeptes)  zu schreiben:

Während eine der Lesarten von Sherazad & Amgiad das Verhältnis zwischen des Geschriebenen zur  Schreiberin  einerseits und dem Leser und dem Geschriebenen andererseits verhandelt (das Verhältnis Schreiberin-Leser wird nur indirekt behandelt), lässt sich auch das umgekehrte literarische verwarbeiten: Das Verhältnis des Geschriebenen zum Leser (ja, die Reihenfolge ist hier wichtig)!

Praktisch als Schwesterngeschichte zu Sherazad & Amgiad, verhandelt Amgiad & Schahriyâr das psychologische Verhältnis zwischen dem Geschriebenen – gleichzeitig auch des Beschriebenen – und dem Leser – wobei ich die Geschlechter noch nicht figuriert habe; vermutlich ist ein männlicher Protagonist angebrachter – unter dem Vorzeichen der Interpassivität (wiki-link). Interpassivität, oder – wieder dem Werther-Motiv entsprechend – stellvertrendender Selbstmord. Weiterlesen

Die Zeit mit der Salzgurke lesen

But pickle jars are just pickle jars
And pickles are just pickles
Ingredients … water, salt, cucumber, garlic and pickling spices

Regina Spektor – Reading Time with Pickle

Es ist ein komisches Gefühl, täglich einen Teil einer Kurzgeschichte veröffentlicht zu sehen. Sie aus dieser fremden Perspektive zu lesen, nach Videos, Zitaten, Photos ausschau zu halten, die zu den jeweiligen Einträgen passen. Sie haben etwas metaphorisches an sich: Sie legen einen Blick an die Geschichte. Auch wenn ich mit Lakoff & Johnson mitnichten in jedem Punkt zustimme, hatt dieser Gedanken etwas anzüglich errengendes an sich. Aber die Fremdheit dieses Textes, der inzwischen ja bereits ganz anders aussieht und v.a. abgeschlossen ist, hat etwas unheimliches an sich. Weiterlesen

Der Autor als Arrangeur des Experiments

Der Technik des Arrangierens ist spätestens seit dem doppelten Paratext von Goethe’s Werther große Aufmerksamkeit geschenkt worden. Von Pop-Literaraten wie Brinkmann und Götz weiterentwickelt, bietet das multimediale Arrangement die Möglichkeit nicht nur der größeren Perspektivierung und Genauigkeit, sondern auch der emergenten Nutzung der jeden Kunstform eigenen Natur.

Ein Medium, das aus sich selbst heraus arrangiert ist, ist die Presse. Nicht nur werden in modernen Zeitungen verschiedene Textgattungen miteinander vermischt, dieses Textgemisch wird seinerseits durch Photographie und Werbung ergänzt.

Übertragen in das Bedeutungsfeld der Kunst, könnte diese Methodik zu einer ganze neuen Form der Literaturzeitschrift führen. Und zwar eine Literaturzeitung, die nicht Literatur bzw. Kunst veröffentlicht, sondern die in sich selbst Kunst ist. (Auch die Literaturberichterstattung müsste wie Brecht, Benjamin uva. gezeigt haben nicht darunter leiden, sollte man sich dazu entscheiden auch eine Literatur des kommentierten Zitats zu inkorporieren.) Weiterlesen