Wissenschaft und Literatur

Ich mach ja grad ein Proseminar zum Verhältnis zwischen (Natur-)Wissenschaften und Literatur. In der theoretsichen Diskussion zu diesem Thema, ist mir ein etwas seltsamer Gedankenzug aufgefallen: Pethes spricht explizit von der Notwendigkeit, den Gegenstand literature and science erhalten zu müssen. Das ist für mich ein ganz starkes Indiz dafür, dass hier eine Tatsache diskursiv konstruiert wird. Und das gleich in zweierlei hinsicht:

Erst wurde in einem Diskurs, der bis auf Plato zurückgeht und im Zuge der Aufklärung seinen scheinbaren Höhepunkt erlangt hat, der Prozess der Wissenserzeugung, -reproduktion, und -verwertung aufgesplittet in Wissenschaft, Technik und Literatur. Dann wurde diskursiv eine erneute Einheit oder ein innerer Zusammenhang dieser Bereiche konstatiert, die sich auch darin zeigt, dass ich von einer Aufsplittung ehemals geeinter Prozesse und Phänomene gesprochen habe.

Plato hatte unterschieden zwischen Philosophie (Erkenntnis) und Rhetorik (Verblendung), aber noch Rousseau sieht die Demarkationslinie zwischen Kultur und Natur, unterscheidet also Literatur und Wissenschaft nicht. Erst im Rahmen dessen, was wir in Anlehnung an Luhmann funktionale Ausdifferenzierung nennen, entsteht diese (und andere) Trennung(en). Ihre extremste Ausformulierung liegt wohl mit dem Schlagwort der Two Cultures vor, in dem C.P. Snow von einer völligen Trennung und Opposition zwischen Wissenschaft und Literatur ausgeht. (Die amüsanteste Ausformulierung findet sich übrigens in einem Scherzartikel (PDF, 436 KB) des Physikers Alan Sokal).

Interessant ist aber, dass die Auseinandersetzung mit genau diesem Snow’schen  Vortrag den Beginn von fast allen Artikeln der literature and science studies bildet. Es zeigt sich also selbiges Phänomen, wie bei dem klassischen Beispiel der Diskursanalyse, der Sexualität: FeministInnen, die sich herrschende Geschlechtersysteme auflehnen, verlassen diese nicht, sondern erhalten sie aufrecht. Die radikalste Formulierung davon findet sich in Judith Butlers Verneinung eines vorkulturellen Körpers und ihrer impliziten Kritik an der Rückberufung der FeministInnen der Zeit auf »das Weibliche«. Derselbe Essentialismus findet sich in den literature and science studies, wenn Snow (oder viele andere) sagen “ Wissenschaften und Literatur sind getrennt“. Und hier wie dort führt er genau zum Gegenteil: Der Bestärkung der Verbindung zwischen Wissenschaft und Literatur.

Warum aber kann ein und derselbe Diskurs zu zwei so unterschiedlichen Ergebnissen führen? Wie kommt es, dass er erst performativ ist und zu der Ausdifferenzierung dieser zwei Wissenssysteme führt, und sie dann einander wieder näher führt? Ich glaube, die Antwort ist in der Natur* des Diskurses an sich zu suchen. Walden Bello meinte vor knapp einem Jahr bei einem Besuch in Wien: „truth becomes truth only by action“. Austin würde antworten, Sprechen wäre action und Foucault würde hinzufügen: „Il faut d’action reproductive“. Wiederholtes Sprechen, Zitat, Bezugnahme, sind also Notwendig, um Wahrheit zu produzieren. So führt etwa die Wiederholung der Idee funktionaler Ausdiffernzierung dazu, die Trennung zwischen Literatur und Wissenschaft als konstruiert und daher als falsch anzusehen. Wenn nun aber auch Widersprüche nach der herrschenden Logik interpretiert werden (vgl. Matthäus-Effekt), wie konnte es dann zu diesem Umbruch des Diskurses kommen? Vielleicht findet sich die Antwort bei  Thomas S. Kuhn. Kuhn  hat mit seiner Theorie der Paradigmenwechsel ein mächtiges Werkzeug entwickelt, von seiner Stringenz und Kohärenz bin ich aber noch nicht ganz überzeugt.

Ich habe weiter oben gesagt, die Wiederholung der Idee funktionaler Ausdifferenzierung führe dazu, die Trennung als konstruiert anzusehen. Die Formulierung genau dieses Arguments tut natürlich genau dasselbe: Die Konstruiertheit des Zusammenhangs aufzeigen. Und indem ich an dieser Stelle das syntaktische Wort „aufzeigen“ setze, versuche ich die Konstruiertheit dieses Arguments zu verdecken. Denn natürlich zwingt uns Foucaults Diskursbegriff, den essentialistischen Anspruch der Kulturwissenschaften und vor allem unseres Alltagswissens aufzugeben. Indem wir sagen, Literatur und Wissenschaft seien Geschwister, die miteinander sprechen, produzieren wir dieses Faktum, das wir beschreiben erst. Und zwar erstens in der Wahrnehmung und zweitens dadurch, dass wir damit WissenschaftlerInnen und SchriftstellerInnen in ihrer jeweiligen Tätigkeiten dahingehend beeinflussen. Und tatsächlich trägt ja auch dieser Artikel zu einer Verfestigung der Auffassung Literatur und Wissenschaft hätten eine starke Verbindung bei!

WICHTIGER Link:
Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden (als PDF hier)

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