(un)leserliches Gekritzel

Meine Finger jucken wieder. Nicht zuletzt durch die Erwartung des Schnees die letzten Tage; aber auch davor saß eine meiner Charaktere mir gegenüber im Buss – daraus geworden ist dieses Textfragment: Rote Fäußtlinge [sic!]. Das Mädchen, das hier spricht, verfolgt mich seit knapp eineinhalb Jahren und ist der Lektüre von Kate Nash: Mariella entsprungen. Obwohl es nicht geschneit hat, rief dieses Lied einen roten Eindruck („cause wearing blood didn’t impress her mother“) hervor und irgendwo in den Windungen meines Gehirns war wohl noch das Bild eines wollenen Fäustlings versteckt. Eine Kindergeschichte ist es wohl trotz der Protagonistin nicht – genauso wie Mariella zwar ein Kind, aber doch ein adult-character ist. Genaugenommen warte ich nur auf zwei Dinge, um den Blasebalken in diese Geschichte zu stecken: auf Spike Jonzes Where the Wild Things are und auf die Weihnachtsferien.

Der andere Juckreiz ist Urban, guter alter urban nomad. Ich hab mir jetzt sogar überlegt, ihn Am anderen Ende des Fensters oder Auf der anderen Seite des Fensters (eng. At the windows other side) zu nennen – in direkter Auseinandersetzung mit dem Fenstermotiv der „klassischen Moderne“. Auch Urban, der Nomade begleitet mich seit etwa zwei Jahren und auch wenn seine Existenz aus einem etwas größeren Textumfang (doch beinahe 40 A4 Seiten), so ist er doch vielmehr ein Geist, als ein literarischer Charakter. Es ist spannend, ihn immer näher kennen zu lernen; zu sehen, wie ich ihn selbst von Beginn an falsch verstanden habe. Gerade gestern erst hat er mir eine kurze Textstelle zukommen lassen; daraus:

Und wie könnten wir glücklich sein, wenn uns Freud mit den ganzen Literaten ständig sagt, es könne so etwas wie Glück nicht geben?!

Leider, möchte ich sagen, leider habe ich eine Schwäche für dergleichen Sententia. Andererseits sind optische Sententia oft der Ausgangspunkt meiner Zeilen. So war es bei Die Schülerin (ein empfindsamer Roman aus meinem 15ten Lebensjahr, der mir heute, wie könnte es anders sein, peinlich geworden ist), so ist es bei den Fäustlingen und so ist es auch bei Urban. Das Bild hier: Ein Mensch, der nur mit einem Rasiermesser und einer Ersatzgarnitur durch die Welt zieht.

Und eben hier habe ich ihn falsch verstanden. Denn es ist wichtig, Sententia nicht allein stehen zu lassen – sonst gesellen sie sich zu Hamlets großem Monolog – : Urban ist keinswegs der Asket oder asiatischer Westernweise, wie ihn die obere Textstelle oder dieses Bild erscheinen lassen! Er folgt durchaus seinen Willhabens, vielleicht tut er das sogar exzessiver als die meisten von uns. Genau genommen ist er die (positive) Inkarnation der Prinzipien einer Wegwerfgesellschaft, denn was er nicht benötigt, ist die Akkumulation der Dinge. Benjamins Verdacht gegen die Moderne, das Neue sei gut, weil es neu sei, trifft auf Urban sicher zu. Aber er hat ein System, sich das Neue leisten zu können: Ökonomen würden von erweiterter Wertschöpfung, Ökologen von Reuse and Recycle sprechen: eBay.

Auch hatte ich gestern einen Einfall, wie ich die einander widersprechenden Sichten auf die zwei ProtagonistInnen literarisieren und dabei auch gleich mein Problem des Romans zwischen Text und Film lösen könnte: zeit-, perspektiven- und medienversetztes Erzählen. Prolog und Anfang wie sie jetzt sind, muss ich einfach verwenden! Der Prolog als Hybrid zwischen Film und Text und der Anfang als die Beschreibung eines Filmes. Dann ein Sprung in ein späteres (textliches) Universum – etwa als Urban durch die Tür von Lisas Freunden tritt – und zu einem anderen Urban. Einem Ruhe- und Heimatlosen, einem dekadenten Informatiker , einem asketischen Intelektuellen. Und Entsprechendes mit Lisa. Gleichzeitig würde das bedeuten, dass ich zwei verschiedene Erzähler bräuchte: einen Filmischen und einen Literarischen.

  1. 19. Dezember 2009

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