„Bedaure, zu beschäftigt…“

Taken at BarCamp Miami. Summary and updates at...
Leere Blogs und keine Leser?

Mein heutiger Beitrag ist eine Spontankreation eines Posts, wie ich ihn seit etwa einigen Monaten plane, schreibe und wieder verwerfe. Daran lässt sich wohl erkennen, wie wichtig mir das Thema ist. Titel meiner Entwürfe reichen von „Bloggende Autopoiesis“ über „Demokratie: Blog?“ bis zu einem erschöpfenden „Warum wir keine Themen haben und warum uns das besorgen sollte“.

Seit mindestens 2 Jahren beschäftige ich mich nun mit der politischen, gesellschaftlichen und psychologischen Relevanz der verschiedenen Internetmedien. Was mich dabei stets fasziniert hat, ist die Tatsache, dass man (d.h. TheoretikerInnen wie auch BloggerInnen) zwischen einer deutschen und einer österreichischen Blogosphäre unterscheidet. Warum? Weil sich die meisten österreichischen BloggerInnen durch Events wie Blogtail, Web Montag und BarCamps kennen. Etwas, das Thomas Lohninger zu folgender Aussage verleitet hat:

Socialhack Twitter
Die Blogosphäre ist autopoeitisch! Noch schlimmer: Sie ist autoreflexiv; sie besteht zu einem großen Teil aus BloggerInnen, die über das Bloggen, Blogs und web2.0-Medien bloggen. Als Germanist und selbsternannter Philosoph ärgert mich diese Tautologie enorm. Vor allem, da sie verhindert, dass unsere LeserInnen eventuell einmal nicht andere BloggerInnen sind!

Und weil BloggerInnen so gern über sich selbst und ihre Peers sprechen, sind viele von uns zu  beschäftigt zu behaupten, Blogs könnten von enormer demokratischer Bedeutung für eine globale Internetgesellschaft sein, um zu bemerken, dass dieser Konjunktiv noch lange nichts aktualisiert! Die (österreichische) Blogosphäre liegt mir sehr am Herzen und genauso wie meine KollegInnen glaube ich an das politische Potential von Blogs. Politisch, Πολιτικά, so wie es ursprünglich verwendet wurde: Das gemeinschaftliche Leben und dessen Organisation betreffend.

PillenBlogs sind beileibe kein Allheilmittel. Sie werden weder die ‚Politikverdrossenheit‘, noch die Finanzkrise, noch den Welthunger beseitigen. Wie jedes Medikament, kommt es auch bei Blogs auf ihre Verwendung und Verwertung an und sie können, gemäß der Metapher, sicher genauso viel Unheil wie Positives stiften. Ich aber gehe mit Ted Leo:
„Do you believe in something beautiful / then get up and be it!“

Ich glaube, Blogs können uns in zweierlei Hinsicht helfen: Einerseits bieten sie die Möglichkeit der politischen Artikulation und Integration von Privatpersonen und -Gruppen. Sie können das gekränkte Selbstgefühl des ‚Souveräns Volk‘ stärken. Gleichzeitig würde diese Artikulation der Politik Methoden in die Hand geben, ohne groß Volksbefragungen organisieren zu müssen, die Stimmung und Meinung des Volkes transparent nachzuvollziehen.

Andererseits sind Blogs eine Möglichkeit, der Medienkrise – insbesondere der Printmedien – zu begegnen. Natürlich können Blogs keine News Agency wie Reuters ersetzen (denn auch Blogs beziehen ihre Information von irgendwo her) und sie werden (hoffentlich) niemals den Journalismus ablösen, ihn aber ergänzen. Sehr interessant finde ich diesbezüglich die Bemühungen der deutschen Zeitung Der Freitag. Hier schreibt eine Community von Hobby-JournalistInnen und BloggerInnen gemeinsam eine Printzeitung. Abgesehen von der Frage wie sich Der Freitag wirtschaftlich hält, lässt sich hier die Ablöse der Autopoiesis durch thematische, oder sogenannte Niche-Blogs erkennen. Und genau das benötigt eine demokratische Blogosphäre – Themen! Dabei muss es nicht ein Politikwissenschaftler sein, der über internationale, Tages- oder sonstige Politik schreibt, um das demokratiepolitische Potential der Blogosphäre zu aktualisieren.

Das Internetportal von Der Freitag (24.Feb 2010)

Portal von Der Freitag

Wie ich auch bereits zuvor geschrieben habe (in  abgewandelter Form am Ende dieses Artikels), bin ich der Ansicht, dass gerade für die Verbreit(er)ung der österreichischen Bloggerszene, Blognetzwerke inklusive Aggregatoren  enorm wichtig sind. Aggregatoren (vom eng. to aggregate, zusammenführen) sind Internetseiten oder Software, die Updates mehrerer Quellen sammeln und zuweilen kommentieren/moderieren. Einer der berühmtesten News Aggregatoren ist vermutlich das US-amerikanische Blognetzwerk The Huffington Post (mit etwa 3.000 BloggerInnen). Aus dieser Perspektive ist Der Freitag keineswegs eine Neuerfindung – nur die Anwendung eines bereits erfolgreichen Prinzips auf Deutschland.  Zugegeben, Der Freitag ist eine kleine und recht bescheidene Umsetzung. Ich plädiere keineswegs für die Schaffung neuer Mediengiganten; was wir brauchen ist die breite Umsetzung solcher BloggerInnen-Vereinigungen.

Der Vorteil solcher Netzwerke ist einerseits eine interne Stärkung der Blogosphäre, da die Gemeinschaft der BloggerInnen betont und erneuert wird. Andererseits würden sich durch explizite Zusammenschlüsse von BloggerInnen verstärkt Synergien ergeben. Und zwar sowohl für die Schreibenden, als auch für LeserInnen. Jenen wird finanzielle,  organisatorische und technische Last abgenommen, sowie Interaktion forciert, was die Relevanz von Blogs für LeserInnen erhöht. Das sind nur einige wenige Argumente für Blognetzwerke, die auch keineswegs den Eindruck erwecken sollen, alle Blogs sollten sich (homo- oder heterogen) zusammenschließen.

European_flag_in_the_wind

Ein dritter Bereich, den ich erwähnen möchte, ist die europäische Perspektive. Ich habe eingangs von der frappierenden Tatsache gesprochen, dass zwischen österreichischer und deutscher (sowie schweizer und liechtensteinischer) Blogosphäre unterschieden wird. Ein möglicher Grund dafür ist, dass der größte Teil der Menschen, die Blogs schreiben einer Prä-Internetgeneration angehört. Während ich mit Europa/EU und Internet aufgewachsen bin, sind die meisten BloggerInnen noch stärker nationalen Denkstrukturen anhaftend. (Vorsicht: Das ist eine reine, nicht überprüfte Hypothese!) Woran auch immer es liegen mag, es wird Zeit, dass die Europäische Union die Bedeutung von Blogs für ihre interne Konstitution erkennt. Eine europäische BloggerInnenszene würde, so die These, enorm zu einem europäischen Bürgerbewusstsein beitragen. Zugleich könnten Parlament, Fraktionen, Rat, und andere Institutionen diese BloggerInnenszene nützen, um ihre Inhalte und Tätigkeiten besser und breiter zu kommunizieren.

Note: Die Darstellung der (österreichischen) Blogosphäre ist hier zwecks Kürze und Deutlichkeit ein Pauschalurteil. In Realität stellt sich die Situation durchaus etwas differenzierter dar, die Grundkonstitution aber lässt sich meiner Meinung nach auch in ihr wiederfinden.

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  1. Guter Artikel, trifft die Thematik glaube ich sehr gut.

    Man sollte jedoch auch nicht unterschätzen, dass der eigene Blog auch von anderen, nicht-Bloggern gelesen wird. Nur, diese Leute lesen halt oft nur und antworten nicht. Ich habe öfters die Erfahrung gemacht, dass entfernte Bekannte mich auf ein Thema ansprechen, das ich irgendwann einmal gebloggt habe. Und erst kürzlich hat mich eine deutsche Studentin angeschrieben, weil sie meinen Blog gut fand.
    Vielleicht ist ja das autopoeitische Problem der deutschsprachigen Blogosphäre ein thematisches. Nicht-Blogger sind dann oft nicht an Themen über Informatik oder Blogs interessiert, sondern an anderen, wie du richtig erkannt hast.
    Der Blogeintrag, der bei mir by far die meisten Zugriffsraten hatte, ist einer wo ich zufällig das bedingungslose Grundeinkommen erwähnt hatte – ein zweifellos politisches Thema, das auch andere als nur Blogger interessiert.

    Wie dem auch sei, ich bin zuversichtlich, dass sich in Zukunft auch im deutschsprachigen Raum eine Blogosphäre entwickeln wird, die über eine Autopoesis hinausgehen wird. Es wird immer leichter, einen Blog zu erstellen und mehr und mehr Leute erkennen die Web 2.0 Instrumente für sich.

    • Hi, Patrick!

      Ich stimme Dir zu, dass die Autopoiesis stark thematisch bedingt ist. Wir sind ja doch ‚early adopters‘ und viele von uns Tech Geeks. Natürlich gibt es auch ein paar Niche-Blogs, aber das sind dann fast ausschließlich (ziemlich eingefärbte) politische Blogs.

      Ich glaube aber durchaus auch, dass diese relative Abgeschlossenheit durch externe Faktoren mitbestimmt wird. Vielleicht ist das eine ähnliche Entwicklung, wie die Durchsetzung der Schrift. Bis tief ins 16. Jhdt lernte man lesen und schreiben noch getrennt voneinander – d.h. es gab viele, die lesen, aber nicht schreiben konnten. Nur dass sich bei Blogs/web2.0 manche Teile der Konsumation erst durch das ‚Schreiben‘ erschließen. Daher sind so Projekte, wie Digitalks, die sich konkret der Vermittlung von Media Literacy widmen.

      Genauso kann man natürlich nicht davon ausgehen, dass Menschen diese neuen Formen sofort mit ihrem Aufkommen verstehen und benutzen können. Ich finde es z.B. gut, wie Zeitungen versuchen, Blogs parallel zu ihren traditionellen Formaten zu führen und so LeserInnen in Richtung einer Blogkultur führen. Genauso sollte aber, und das war die eigentliche Stoßrichtung meines Artikels, BloggerInnen sich den LeserInnen annähern und ihnen die Navigation durch diesen neuen Media Jungle erleichtern. Daher mein Vorschlag von Blognetzwerken.

      Was Deinen Einwurf, wir würden ja durchaus auch von Nicht-Bloggern gelesen werden: Da hast Du völlig recht. Über den Focus auf die Flussmetapher, also das stetige Abfolge von Artikeln, hab ich den Blog als Archiv ziemlich aus den Augen verloren. (Mein Post mit den meisten Zugriffszahlen ist übrigens eine Interpretation des Gedichts Menschliches Elende, offensichtlich ein Schulklassiker. Als Archiv werden wir natürlich durchaus gelesen und hin und wieder geschieht es, dass auch andere Nicht-Blogger unseren Blog verfolgen. Was ich meinte, ist, dass Blogs selten als Blogs gelesen werden und ich glaube, dass gerade dieser Fluss, und die Tatsache, dass alles, was wir schreiben stets unfertig ist, etwas qualitativ Neues darstellt.

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