The H.P. files

Dobby der Hauself

Dobby, der Hauself

Dieser Artikel liegt nun seit fast einem Monat in der Skizzenlade meines Blogs und es wird langsam Zeit, dass er ausgelüftet wird. Etwas länger hatte ich die Bücher, um die es mir geht nicht mehr in der Hand: J. K. Rowlings Harry Potter Reihe.
Man mag sich fragen, was Harry Potter auf diesem, doch eher kulturwissenschaftlich angehauchten, Blog verloren hat. Aber Rowlings zauberhafte Welt bietet, wie jedwege Hoch- und ‚Nieder’literatur, viele Ansatzpunkte für eine kulturwissenschaftliche Untersuchung. Ich möchte meine Analyse bei der Architektur beginnen.

Geoff Manaugh, Autor des BLDG BLOGs, zeichnete in seinem Artikel The Self Consuming Barbecue Pavillon die Entstehungsgeschichte eines architektonischen Entwurfs der Architektin Caroline O’Donnell nach. Dabei gewährte er wertvolle Einblicke in die soziale Dimension barocker Schlossarchitektur. 2007 auf Schloss Solitude, die Freizeitresidenz von Carl Eugen, Herzog von Württemberg eingeladen, erkundete O’Donnell die versteckten Diensträume und-gänge. Manaugh schreibt:

Among the prerequisites for an eighteenth-century aristocrat to achieve relaxation were a natural setting and, perhaps more importantly, minimal interaction with the servant classes. However, since domestic service was still required (aristocratic relaxation did not encompass preparing, serving, and cleaning up after meals, for example), palace architects had to resort to an extremely elaborate set of spatial tricks and distortions to make the servers as invisible as possible.

Und hier kommt Harry Potter ins Spiel, denn Manaugh schreibt weiter: „The original design for the Petit Trianon even included a mechanism for raising and lowering the dining table through the floor so that it could be set and cleared out of sight.“

Versteckte Räume auf Schloss Solitude

Versteckte Räume auf Ludwigsburg und Schloss Solitude

Versteckte Räume, unsichtbare Diener, Tische, die heimlich ge- und wieder abgedeckt werden? Hört sich verdammt nach Hogwarts an! Tatsächlich scheinen sich hier die Spätwirkungen eines kolonialistischen Diskurses Englands zu zeigen. In den Büchern selbst wird das nur am (entfernten) Rande – und darüber hinaus ironisierend – in Hermines Society for the Promotion of Elfish Welfare (deutsch: B.ELFE.R) thematisiert. Tatsächlich es vor allem die Hauselfen, die diese Grundhaltung von Colonalisation and Superiority zu spüren bekommen. Das aber keineswegs primär in schwarzmagischen Zauberfamilien, wie den Malfoys, deren Hauselfe Dobby der einzig positiv gezeichnete Vertreter seiner Klasse ist, sondern vor allem in Einrichtungen wie eben Hogwarts (oder dem Zauberministerium!), in denen wesentlich mehr Arbeit für sie anfällt.

Viktor Krum

Viktor Krum

Dieses Gefühl der Überlegenheit beschränkt sich allerdings keineswegs auf Hauselfen und architektonische Konstruktionen der Sklaverei. So, wie die Hauselfen auf Hogwarts versteckt werden, werden Zauberer anderer Länder zu Projektionsflächen anglozentrischer Stereotypisierungen. Die ‚Russen‘, genauso wie die ‚Französinnen‘ werden in ihrer Homogenität des menschlichen Gesichts beraubt. Bezeichnend dafür ist, dass die nur Männer, jene nur Frauen sind. Beide Gruppen haben je gleiche physische und physiognomische Eigenschaften und werden in einer einheitlichen Mentalität porträtiert, die gegen die Mehrdimensionalität der englischen SchülerInnen kontrastiert.

Fleur Delacour

Fleur Delacour

Auch die Geschlechter der beiden symmetrischen Gruppen werden semantisch aufgeladen: Frauen als eindimensionale Lustobjekte (Fleur) und Männer als sexuelle Konkurrenz (Viktor).

Diese Geschlechterlogik wird noch weiter vertieft. Etwa in jener Szene der Verfilmung von Harry Potter and the Goblet of Fire von Mike Newell, in der Fleur Harry panisch für die Rettung ihrer Schwester dankt. Frauen als Familienmenschen (Der Mann Viktor auf der anderen Seite muss ja seine virtuelle Partnerin Hermine retten),die obendrein auch noch hilflos sind. Fleurs Panik und Dank dient dabei keineswegs ihrer Charakterentwicklung oder -beschreibung, sondern allein zur Verstärkung der Rolle des Protagonisten Harry.

All das – die Semantik der Geschlechter, die Zelebration der Dienerschaft, die Eindimensionalität und De-Humanisierung ‚fremder‘ Gruppen, sowie Glorifizierung des Eigenen – ist eine diskursive Formation, wie wir sie in den Nationalliteraturen ihrer jeweiligen Kolonisationszeit finden.

Inwiefern diese Konstellationen von J. K. Rowling als bewusste Referenz eingebaut wurden ist fraglich. Natürlich muss hinzugefügt werden, dass sie durchaus die Rolle der Hauselfen problematisiert und Hermines Versuche zwar ironisiert, sie aber durch die Unterstützung DER Institution der gesamten Reihe, Albus Dumbledore, rechtfertigt und gegen ihre Kritiker verteidigt. Auch muss gesagt werden, dass die beiden anderen Schulen in den Filmen noch wesentlich überzogener sind, als J. K. Rowling selbst es angedacht hatte. Ihre Stereotypisierung ist durchaus auch im Licht der Stilistik und literarisch-fantastischer Traditionen zu sehen. Zuletzt möchte ich noch Rons Bruder Bill erwähnen, der doch einen zwar nach wie vor stereotypisierenden, aber dennoch wesentlich positiveren Blick auf Zauberer anderer Länder (und Zeiten) wirft.

Note: Das ist eine symptomatische Interpretation. Insofern erhebt sie weder den Anspruch auf Vollständigkeit, noch ist sie eine Wertung des Werkes an sich. ;)

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