Kopftuch? Laizismus? Frankreich!

Prise de la Bastille

Der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789

Vor einigen Wochen fand ein weiterer französischer Religionsskandal statt, Gegen-Skandal inklusive. Unter der Fahne der Freiheit – liberté, égalité, fraternité – trieb Frankreich im späten 18. Jhdt. die Trennung von Staat und Kirche voran; heute möchte man sagen, radikalisierte. Der dazugehörige Begriff: Laïcité, Laizismus. Diese kategorische Trennung machte durchaus Sinn, war das Programm der Aufklärung doch die Selbstbefreiung der Menschen von Unterdrückung, Natur und Gott. Und auch wenn ich die Revolutionäre des auslaufenden 18. Jhdts. für ihre Resolution und Innovation bewundere – auch für vieles, was uns heute selbstverständlich vorkommt -, so schreiben wir inzwischen doch um einige Kriege, (Gegen-)Revolutionen, Jahrhunderte der anthropologischen und psychologischen Forschung älter.

Ilhem Moussaid

Ilhem Moussaid

Trotzdem löst eine Kandidatin einer Kommunistischen Partei Frankreichs,

headscarf

by Paul Keller

die ja wohl kaum ein Gegner der laïcité ist, einen Skandal aus. Wobei die 21-jährige Muslime auf ihr Kopftuch reduziert zu werden scheint. An dieser Stelle stellt sich für mich die Frage der Sinnhaftigkeit des Laizismus. Meiner Ansicht nach, hat sich in ihr die einstmalige Unterdrückung der Kirche in eine neue übersetzt. Gerade angesichts der z.T. sehr heftigen Reaktionen auf die Kandidatur einer kopftuchtragenden, emanzipierten und gebildeten Muslime, wirkt die französische Variante der Laizismus-Bewegung wie eine Selbstfeier der Intoleranz und Xenophobie im Namen der Brüderlichkeit.

western headscarf

by Paul Keller

Gleich behandelt wird allerdings keineswegs, denn das ungefähre christliche Analog zum Kopftuch, das goldene Kreuzchen um den Hals, ist, da unter der Kleidung getragen, nicht verboten. Natürlich ist es ein forderndes Thema; die Argumente der Befürworter, Kopftücher wären ein Ausdruck der Unterdrückung, die nicht mit westlichen Idealen kombinierbar wäre, sind durchaus nachvollziehbar. In ihnen lebt aber der Absolutheitsanspruch der religiösen Dikatur weiter: Zu sagen, Kopftücher könnten grundsätzlich nur eine Form der Unterdrückung sein, ist eine Diktatur des Pauschalen. Alleine Ilhem Moussaid beweißt die Vielschichtigkeit des ‚Problems‘. Gegen die machtförmige Rhetorik laizistischer Ideologie setzt sie eine völlig andere Semantik des Kopftuches. Den politischen Akt, den sie damit setzt, kann man nur schwer Unterdrückung nennen. Die Reaktionen auf Moussaid beweisen nur, dass große Teile der französischen Intelligenz mit der Vielseitigkeit zeitgenössischer Kultursemiotik nicht zurecht kommen.

Die Komplexität des ‚Problems‘ lässt sich nicht lösen, indem man sich für das eine oder andere Extrem entscheidet, denn Kultur ist kein Gordischer Knoten. Religion in der Öffentlichkeit zu verbieten, ist ein einfacher Ausweg, der nichts löst. Vielmehr gilt es, der Komplexität mit differenzierten Ansätzen und Ansätzen an der Wurzel des Problems – meiner Ansicht eine anachronistische Auffassung von Integration – zu begegnent. Denn versucht man den Gordischen Knoten der Gesellschaft zu zerschneiden, so wird er zurück schlagen.

Links:

Frankreich: Jungpolitikerin mit Kopftuch sorgt für Wirbel
Seite der Partei NPA

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