Zwei Geschichten der Schrift


Book of Kells

by losgor

Wir alle kennen die Geschichten von der revolutionären Literatur, die gegen unfaire Machtverhältnisse aufbegehrt oder aufbegehren lässt. Wir kennen ebenso alle die Geschichten von der Literatur, die sich in die Individualität der Menschen (und z.T. Kulturen) einfühlt und sie verstehbar macht. Es ist die generelle Auffassung, Literatur und, im weiteren Sinne, Schrift habe zu mehr Pluralität geführt. Dieser Annahme liegt ein gewaltiger Fehlschluss zugrunde: Die Annahme, Pluralität wäre nur dort vorhanden, wo wir sie auch empirisch-wissenschaftlich nachweisen können, hat kaum Rechtfertigung. Genauso kann eine andere Geschichte der Literatur erzählt werden, in der Schriftlichkeit zu gänzlich gegenteiligen Denkmustern geführt hat.

Die Geschichte der Schrift, wie wir sie kennen

Geschichte der Schrift, Faulmann

Arrangierte Schriften

Die Schrift wurde irgendwo zwischen den alten Ägyptern, den mittelamerikanischen Olmeken, den mesopotamischen Sumer, am Indus oder im heutigen China erfunden. Für uns ‚Lateinschriftler‘ ist besonders das Ägyptische von Bedeutung, das später über proto-semitische Schriften in das phönizische Alphabet übernommen wurde. Im 9. Jh. v. Chr. übernahmen die Griechen das phönizische Alphabet und die Römer übernahmen es von diesen. (Das Kyrillische ist, nebenbei bemerkt, ebenso eine griechische Schriftart).

Bei den Griechen setzt auch meistens eine Ur-Geschichte der Literatur an. Mit dem Übergang einer oralen Kultur zu einer Schriftkultur war es plötzlich möglich, Widersprüche zwischen den Erzählungen verschiedener Dichter zu erkennen, die zuvor unentdeckt geblieben waren, was insofern traumatisch war, als dass Dichter bis dahin behauptet hatten, Wahrheit (direkt von den Göttern eingegeben) aufzuschreiben. Aus dieser Diskrepanz heraus entwickelte Aristoteles sein Konzept eines Dritten zwischen Wahrheit und Lüge: Fiktion.

Nach wie vor aber war Schrift eine elitäre Angelegenheit, die nur sehr wenigen vorbehalten war. Erst nach der (Wieder-)Erfindung des Drucks um 1450 herum begann sich dieses Verhältnis langsam (!) zu verändern und bringt sie schließlich in eine Position, aus der heraus sich etwas wie der deutsche Bildungsroman bilden kann, in dem es, verkürzt gesagt, um das problematische Verhältnis von Individuum und Gesellschaft geht.

Alphabete der Welt

Alphabete verschiedener Schriftssysteme

Dass Literatur das Individuelle betont, ist für uns heute offensichtlich, wobei individuell nur im Fall von Roman und Lyrik sich auf eine einzelne Person bezieht. Genauso gut kann es, wie etwa ein fiktiven Reisetagebüchern um das Verständnis anderer Kulturen gehen. In allen Fällen geht es um eine Pluralität, wie sie in der deutschsprachigen Literatur besonders seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts hervorgehoben wird. Als Beispiel sei hier nur Christa Wolfs Medea genannt, deren Untertitel – Stimmen – bereits ganz explizit das augenfälligste Strukturelement auf das Cover setzt: Jedes Kapitel ist aus der Perspektive einer anderen Figur, die auch noch in drei verschiedenen kulturellen Situationen leben,  geschrieben.

Eine etwas andere Geschichte

Runes

by TAnnison

789 n. Chr. erließ König Karl der Große das Reichsgesetz Admonitio generalis. Nachdem sein Vater Pippin III. den Merovingern den fränkischen Thron abgeluchst hatte, wandte sich Karl den Reichsgesetzen zu, um seine Herrschafft (und in der Admonitio generalis das Christentum) zu festigen.
Was wir hier finden, ist eine ganz andere Eigenschaft der Schrift. Dabei spreche ich von etwas, das entfernt mit der „Machtförmigkeit“ der Sprache zu tun hat. Machtförmigkeit ist ein Begriff, der in vielen poststrukturalistischen Kulturtheorien (etwa in der marxistisch beeinflusten Kritischen Theorien oder in (post-)feministischen Theorien, wie denen Judith Butlers) dazu benutzt wird, um die Fähigkeit der Sprache, Denkmuster zu bilden und kontrollieren, auszudrücken. Es geht mir allerdings nicht so sehr um Sprache. Wer aufgepasst hat, wird wissen, dass es mir um Schrift und deren Einfluss auf den Menschen geht. (Alle anderen: Zurück zum Start!)

Die Adminitio generalis des Karl des Großen ist nur ein Beispiel dafür, wie Schrift als (zentrales) Machtinstrument benutzt wird. Und zwar auf eine ganz spezifische Weise: Das, was an einem Ort des Fränkischen Reichs ‚gut‘ ist, wird für das gesamte Reich als ‚gut‘ definiert. Dieses verschriftliche Recht fährt gegenüber dem ‚anthropologischen‘ Recht über die lokalen Besonderheiten drüber. Das, was ich hier anthropologisches Recht nenne, erklärt Rösler mit der Fähigkeit oraler (Erzähl-)Kulturen, ihr Recht (und ihre Stammesgeschichte) dynamisch an verschiedene Situationen anzupassen. In dem Zusammenhang spricht man auch von homöostatischen Kulturen.

Reich Karls des Großen

Reich Karls des Großen

Natürlich sind solche homöstatische Kulturen keineswegs herrschaftsfrei, wie oft betont wurde. Genauso wurde oft der Einwurf gebracht, diese Fähigkeit läge rein an der Größe (bzw. Kleine) der jeweiligen Kulturen. Ich glaube aber, dass der Unterschied tatsächlich ausschließlich in der Adaptionsfähigkeit und -möglichkeit von anthropolgisch-mündlichem Gesetz liegt. Wo Nachrichten, Befehle und Gesetze mündlich überbracht werden, können sie von den Empfängern angepasst und optimiert werden. Wo aber Gesetze schriftlich übermittelt werden, ist kein Platz für solche Freiräume. Im Gegenteil bilden sich ‚Frei‘-Räume nur in Bereichen, die vom Gesetz nicht behandelt werden: Rechtsfreie Räume und juristische Grauzonen.

Ein Denkmuster

Was hier seinen hässlichen Kopf zeigt, ist ein Denkmuster der Vereinheitlichung. Ein Denkmuster, das sich nicht nur in unserem verschriftlichten Rechtssystem zeigt. Genauso manifestiert es sich in der frühen Literatur Deutschlands bis hin zu den neuesten Studien zu Social Networks. Diese, so die Studien, führten zu einer Verstärkung des Meinungs-Uniformismus.

Man mag argumentieren, dass Schriftlichkeit ja durchaus Differenzen erkennt und inkorporiert. Solche Argumentationen können sich ebenso auf die Juristerei stützen: Die Komplexität der Paragraphen, Unterparagraphen, Ausnahnen und allgemein die juristische Sprache scheint geradezu Ausdruck davon zu sein. Aber (Unter-)Paragraphen sind mit der Dynamik oralen Rechts nicht im Geringsten zu vergleichen! Dabei wird ein Fehler begangen, der heute wieder populär zu werden scheint, ein Fehler, wie wir ihn sonst nur aus dem Biedermeier kennen: Partikularismus. Im Alltag nennen wir das heute allerdings political correctness.

Links & References:

Geschichte der Schrift (Wikipedia)
Texte und Medien (Vorlesung der Uni Wien)
Archiving the self? Facebook as biography of social and relational memory (emeraldinsight. log in to https://univpn.univie.ac.at to access from home)

Note: Das sind zwar alles meine eigenen, wie ich die Wissenschaft kenne, aber nicht besonders originelle Gedanken. Falls Du dich plagiiert fühlst, melde dich bei mir; ich weise Stellen gerne als unbewusstes Zitat oder Paraphrase aus.

    • ophelia von danemark
    • 9. November 2010

    hm. keine schlechten gedanken, aber sie kranken an oberflächlicher (aus-)bildung.
    der konnex „schrift“ und „admonitio generalis“ hinkt.
    denn es war kein „reichsgesetz“, wortwörtlich übersetzt eine ermahnung. die mediavisten streiten (immer) noch darüber, ob kapitulare (und die admonitio war ein kapitular) gesetze, verordnungen, politisch-ideologische kampfmittel, oder schlicht „normative“ texte waren.
    sie streiten über geltung und wirksamkeit von kapitularen, zumal so frühen.
    und schließlich: „schriftlichkeit“ war das letzte, was einem solchen text autorität / rechtsgültigkeit verlieh, vielmehr mußte ein solcher text verkündet werden, um gültigkeit / verbindlichkeit zu erlangen. die schriftliche fixierung diente der archivierung.

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