Tropus Tumblr

Image representing Tumblr as depicted in Crunc...
Image via CrunchBase

Meistens sehe ich Tumblr als Ersatz für das langsam sterbende Relikt aus Urzeiten des Social Networkings: MySpace. Dass das nicht unbedingt stimmt, zeigen Beispiele wie iampaddy, wuuuua! oder Abtruse Goose (um nicht von goodtasteporn zu sprechen!). Dabei kann man Tumblr auch als Allegorie für die Produktion von Gesellschaft und (wissenschaftlichem) Wissen sehen.

Bei Tumblr kann man (ähnlich wie bei Kultur*) Inhalte, Verhaltensweisen und semiotische Möglichkeiten, d.h. Zeichen und Symbole betreffend, unterscheiden. Dabei dienen Verhaltensweisen und Semiotik der Sozialisation neuer Nutzer, vor allem aber der Kontextualisierung, Zensur und Produktion von Inhalten.
Zwei (einfache) semiotische Mittel möchte ich besonders hervorheben: Reblog und Like (ich gehe davon aus, dass jeder und jede versteht, worum es dabei geht. If not: have a look at this! or this!)

Like ist wie das zustimmende Nicken akademische Diskussionen oder das Schulterklopfen, das demjenigen gilt, der einen guten Witz gerissen hat. Aus einer funktionalistischen Perspektive geht es dabei grundsätzlich darum, den ‚Sprecher‘ in seinen ‚Aussagen‘ zu bestätigen. Die Anführungszeichen sollen dabei daran erinnern, dass es nicht zwingend um sprachliche Aussagen, ja nicht einmal um inhaltliche gehen muss. Genausogut können es Bilder, Videos, Musik, … sein.

Die zweite Funktion ist die der social coherence. Durch Likes werden soziale Verbindungen erzeugt, wie sie die Friendlists nur simulieren. Gleichzeitig wird durch diese soziale Interaktion, ein Standard erwünschter Inhalte gesetzt ohne dabei explizit ausgrenzend zu sein. In systemtheoretischer Terminologie liegt hier eine negative/regulierende Rückkopplungsschleife vor.

ysinembargomagazine17_Página_07 (dalibor levícek)

Reblog als semiotisches Mittel ist dahingehend wesentlich komplexer, denn in ihm* treffen sich negative und positive Rückkopplung. Neben den zwei Funktionen, die auch das Like besitzt, dient das Reblogging ebenso der Verbreitung bestehender Inhalte. Diese Verbreitung hat eine ganz spezifische Form, nämlich eine doppelte: Einerseits legitimiert es den ursprünglichen Inhalt, also das zitierte, andererseits begibt sich der Reblogger in eine Position der Macht gegenüber seinen Lesern. Dadurch, dass hinter diesem Inhalt nun bereits mindestens zwei Personen stehen, erhöht sich die Relevanz des Inhaltes und zugleich das soziale Kapital der beiden+ Personen: Macht.

Tatsächlich ist es aber so, dass ein Reblog das Zitierte oft nicht einfach eins zu eins übernimmt, sondern dieses auch kommentiert, die Bedeutung leicht verändert oder das Original sogar völlig verändert – manche Inhalte gewinnen ihren Sinn erst dadurch, dass sie reblogged werden, wie etwa dieser hier. Damit wird die Erneuerung der Inhalte garantiert. Die negative Rückkopplungsschleife der Reproduktion bereits bestehender Inhalte und -formen steht somit zwei positiven Rückkoplungsschleifen gegenüber: Jener der Produktion sozialen Kapitals für den einzelnen und jener der Veränderung, Neuinterpretation und Aktualisierung des Originals.

citation needed

Leser* meines Blogs und Besucher der Geek Nite (fb link) werden darin vermutlich (hoffentlich!) etwas wiedererkennen. Und zwar die Produktion von gesellschaftlichem Wissen durch Zitat und Re-Zitat, wie es Foucault, Derrida und etwas weniger populär Ludwik Fleck bereits lange vor mir erkannt haben. (Womit ich den Anspruch des Bildes oben [citation needed] praktisch erfüllt hätte.)

Aber auch ohne diese mächtigen Namen lässt sich das ganz einfach erklären: Gesellschaft/Kultur basiert immer auf Traditionen, normierten Verhaltensweisen und all dem, was wir als Kinder* durch unsere sogenannte Sozialisation erlernen. Einige dieser Verhaltensweisen führen aber auch dazu, dass veraltete Traditionen und Normen kontinuierlich aufgebrochen und erneuert werden. Dabei gibt es natürlich auch radikale Brüche und Sprünge in unserem Verständnis von der Welt und uns selbst (Paradigmenwechsel bei Thomas Kuhn), das meiste wird aber wohl trotzdem durch diese kontinuierliche Arbeit geleistet. Verlgeicht man das mit der Beschreibung von oben, so kann man ohne schlechtem Gewissen davon sprechen, Tumblr sei eine Metapher für Kultur – oder genauer eine Metonymie oder noch genauer, ein Tropus zwischen Metapher, Metonymie und Allegorie, Tropus Tumblr eben!

Reblog this post [with Zemanta]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: