Botenpoetologie

Für die Uni lese ich gerade Das Nibelungenlied; und zwar das ‚Original‘. Bisher kannte ich nur Michael Köhlmeiers Bearbeitung dieses klassischen Stoffs und auch wenn diese sicher eigene erzählerische Qualitäten aufweist, wird sie der Komplexität und der spezifischen Erzählsituation des Nibelungenlieds nicht gerecht. Da wäre etwa das, was ich jetzt einmal die Poetologie der Boten nennen möchte.

Sîfrits Ermordung

Sîfrits Ermordung

Besonders gut lässt sich das wohl an der 12. Âventiure (gesprochen Aventüre, ~ Kapitel) zeigen. Diese beginnt mit dem Misstrauen Prünhilts Gegenüber ihrem Mann Gunther, seiner Schwester Krimhilt und deren Mann Sîfrit, dem vermeintlichen Vasallen Gunters. Seit ihrer Hochzeit sind etwa 40 Jahre vergangen und Prünhilt will Sîfrit und Krimhilt wieder sehen. Ihre Versuchen, den König Gunther davon zu überzeugen, und dessen Zieren, werden lang und breit beschrieben. Schlussendliche schickt Gunther Boten nach Norwegen zu seinem Schwager. Genauso wie Gunther ziert sich Sîfrit zuerst (warum ist mir nicht ganz klar). Auch sein Entscheidungsprozess wird genau beschrieben, bevor er die Boten wieder zurück zu Gunther schickt, wo Gunther beginnt, ein Fest vorzubereiten.

Neben dem konstanten Misstrauen beinah aller Figuren stehen die Boten hier als zentrales Gestaltungselement. Der Erzähler folgt stets den Boten, erst von Worms nach Norwegen/Nibelung und dann wieder zurück nach Worms, wobei die Reise selbst zu „Sie kômen in drin wochen / geriten in daz lant“ kondensiert wird. Es ist beinahe so, als ob die Boten eine magnetische Wirkung auf den Erzähler ausüben würde, der er nicht entgehen kann. Selbiges gilt natürlich nicht nur für die 12. Âventiure, sondern ebenso für alle anderen, die ich bis jetzt gelesen habe.

Mittelalterlicher Bote

Mittelalterlicher Bote

Genauso, wie sich die Erzählung an den Reisen der Boten und Helden strukturiert, strukturiert sich Zeit und vor allem Raum um sie herum. Erst durch die Bewegungen der Figuren, entsteht der Raum. Vielleicht am stärksten lässt sich das in einem Vergleich 3. und 8. Âventiure erkennen. In der 3. erzählt Hagenen die Geschichte, wie Sîfrit Nibelung und Sibelung überwältigte und damit einen gewaltigen Schatz errang. Diese Erzählung in der Erzählung handelt in einem räumlichen Vakuum: Sie ist weder lokalisierbar, noch spielt Räumlichkeit eine Rolle. Dagegen hebt sich die Erzählung der 8. Âventiure, in der Sîfrit tatsächlich dorthinreist, stark ab. Es wird seine Reise (kurz) beschreiben; genauso seine Ankunft. Es wird beschrieben, dass er „ûf einen wert vil breit“ (eine sehr breite Flußinsel) kommt, einen Berg erklimmt, usw. Während er mit einem Riesen kämpft, hört ein Zwerg auf der anderen Bergseite die Auseinandersetzung und eilt herbei. Diese zweite Erzählung ist also sowohl lokalisierbar, als auch durch die spezifische Räumlichkeit strukturiert.

Beides, Boten- und Raumpoetologie, finde ich äußerst spannend und drängt mir die Frage auf, wie man diese in einer modernen Literatur umsetzen könnte. Dabei bin ich auf die Botenpoetologie der Neueren deutschen Literatur (also Literatur seit ~1600)  gestoßen, etwa im Werther, oder noch radikaler in Gut gegen Nordwind. Hier erkenne ich eine zunehmende Entkopplung zwischen Boten- und Raumpoetologie. In beiden Fällen könnte man sagen, dass Raum eine untergeordnete, bei Gut gegen Nordwind praktisch keine, Rolle spielt. Dabei würde die moderne Internetkommunikation sich geradezu anbieten, Nachrichten/Kommunikation und Räumlichkeit wieder miteinander zu verbinden. Die enorme Zunahme an ortsunabhängigen Kommunikationsmitteln scheint auf den ersten Blick Räumlichkeit und Raum gänzlich zu verneinen. Egal, wo ich mich befinde, ich kann (theoretisch) innerhalb weniger Minuten mit jedem sprechen und ihn/sie sogar sehen. Gleichzeitig wird dabei die Mobilität und damit implizit der Raum betont.

  1. chice Seite!!! Herzliche Grüße

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