Protantoganisten

Kriemhild showing Gunther's head to Hagen (Joh...
Image via Wikipedia

Wie in meinem letzten Literatur-Post, möchte ich heute wieder den Bogen von ziemlich alter, zu mehr oder weniger neuer Literatur ziehen. Und wie im letzten, wird auch in diesem der ältere Teil vom Nibelungenlied abgedeckt. Es wird (auch von Germanistik Studenten*) einfach zu unrecht als langweilig abgeschoben. But let’s dig into it!

Grundsätzlich lassen sich im Nibelungenlied drei Stoffkreise unterscheiden:

  • Sîfrits Jugend (inklusive Drachenjagt und Schatzgewinn)
  • Sîfrits Werbung um Kriemhilt (inklusive Verrat, Mord und Racheschwur)
  • Der Untergang der Burgonden/Nibelungen (inklusive mächtige Hunnen, die sogar schon in Pöchlarn sitzen!)

Beachtlich dabei ist, dass im gesamten Nibelungenlied Sîfrit der einzige ist, der immer nur als Protagonist gezeichnet wird. Jetzt kann man sich natürlich denken Wie denn auch sonst?! Typisch für eine patriarchale Gesellschaft! Aber abgesehen davon, dass sich im Nibelungenlied durchaus Spuren des Matriarchats finden lassen, ist das noch aus einer ganz anderen Perspektive sehr interessant:

Nehmen wir einmal Hagen von Tronje („von Tronegen Hagene“): Eingeführt wird er als Berater des Königs Gunther, ein weit gereister Mann, der Sîfrit erkennt, ohne ihn je zuvor gesehen zu haben. Seine Rolle ist hier wohl ziemlich neutral. Spätestens mit der Kränkung Prünhilts durch Kriemhilt wird Hagen allerdings zu Sîfrits und Kriemhilts Antoganist: Er entwirft den hinterlistigen Mordplan, erschwindelt sich das Geheimnis von Sîfrits Unverwundbarkeit und tötet ihn schlussendlich. Aber die Geschichte hört an dieser Stelle noch nicht auf: Jahre später heiratet Kriemhilt den Hunnenkönig Etzel und lädt (wiederum (13) Jahre später) die Burgonden zu sich an Etzels Hof. Und plötzlich wird Hagen über lange Strecken positiv gezeichnet. Die Gegenteilige Entwicklung macht Kriemhilt durch, die als von ihrer Rache getriebene, kalte, durchtriebene und gefährliche Frau beschrieben wird.

Ein Dichter des MittelaltersÄhnliches könnte man über viele andere Figuren des Nibelungenlieds sagen, worauf ich aber hinauswill, ist die Moderninät dieses shifts. Und hier kommt wieder die Botenpoetologie ins Spiel und zwar konkret die Erzählperspektive. Es gibt drei (XYZ?!) große Erzählperspektiven im Nibelungenlied: Sîfrits, Kriemhilts und Hagens. Sîfrits Erzählung endet mit seinem Tod, der von den Verschwörern seiner Frau mitgeteilt wird (Achtung: Boten!): Sie legen seinen Leichnam vor die Gemächer ihrer Schwester/Herrin und übergeben ihr mit dieser Bild-Metapher seine Stimme. Bis zu ihrer Einladung bleibt sie die Protagonistin. Während dieser Zeit hat sie fast durchwegs edle Züge. Nur ihr Antagonismus gegenüber Hagen lässt sie zu Zeiten unheimlich erscheinen. Sie sendet Boten nach Burgonden, ihre Verwandten zu einem Fest einzuladen. Mit diesen Boten wiederum gibt sie ihre Stimme ab; und zwar ausgerechnet an ihren Gegenspieler Hagen. In dem Augenblick, in dem Hagen die Stimme übernimmt, beginnt die Wandlung Hagens in eine Figur, die der Sîfrits durchaus ähnlich ist. Gleichzeitig wandelt sich die Figur Kriemhilt in eine Art Damokles-Schwert, das über Hagen und den Burgonden schwebt.

Christa Wolf: StimmenMan kann jetzt natürlich sagen, dass es sich um eine reine Verschiebung der Funktionen von Sîfrit auf Hagen und von Prünhilt auf Kriemhilt handelt (und hätte sicher recht damit, wenn nicht das „reine“ wäre). Genauso kann man das mit den drei Stoffkreisen erklären, die alle eine bestimmte Perspektive benötigen und auch damit hätte man recht. Ich möchte es hier mit einer Poetologie der Perspektive erklären: All diese Verschiebungen führen dazu, dass man nicht mehr von einem (absoluten) Gut und Böse sprechen kann. Sîfrits Naivität (man möchte sagen Dummheit) führt zu einer Verkettung von Ereignisse, in denen die Akteure* nur so auf die ihnen gegebene Situation reagieren können. Und je nachdem, welche Perspektive man einnimmt, stellen sich Personen als böse*, hassenswert*, unheimlich* oder eben gut*, edel*, schön* dar. Besonders sympathisch sind uns dabei diejenigen Figuren, die zwischen den Fronten in einem Dilemma stehen: Etwa Rüedegêr oder, mit etwas Hintergrundwissen, Hildebrandt.

Christa WolfAll das sind Strategien, wie sie erst wieder im 20.Jhdt. breite(re) Anwendung finden. Als Beispiel greife ich nur Christa Wolfs heraus, die diese Poetologie der Perspektiven zur obersten Prämisse ihres Buches Medea gemacht hat. Zwischen den Fronten – Medea auf der einen,  Agameda auf der anderen – steht der Astronom Leukos und auch hier werden die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischt. Faszinierend aber ist, dass Christa Wolf dies weniger konsequent betreibt als der anonyme Autor* des Nibelungenlieds. Zwar treibt sie die Perspektivierungen weiter zu einer Höchstform, von den eindeutigen Wertungen kann sie sich allerdings nicht befreien. Nicht, dass das Nibelungenlied sicher der Wertung enthalten würde! Aber es zieht die Sentenz, jeder sei der Held seiner eigenen Geschichte, konsequent durch.

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