„Space is Time“

Dieser Ausruf von Akira Skazaki aus David Lodges Roman Small World trifft den den Nadel auf den literaturtheoretischen Kopf: Zeit, das heißt Erzählzeit, bezeichnet die Dauer, die ein Leser* benötigt, um eine Textpassage zu lesen. Gemessen wird sie, wie man sich denken kann, an der Anzahl der Wörter, oder eigentlich, der Anzahl der Silben. Raum ist also Zeit. Diesen Leser* aber gibt es nicht! Selbst bei dem Paradebeispiel einer ‚zeitdeckenden Erzählung’*, einem Dialog in direkter Rede, kann ich nicht davon ausgehen, dass die Dauer, in der die Passage gelesen wird mit der, in der sie geschieht übereinstimmt. Jeder Leser ließt anders und ebenso spricht jeder Sprecher anders, selbst unter Ausklammerung ihrer gegenwärtigen Situation. Und dann kommt da noch das Problem des vermittelten Erzählens ins Spiel. Denn auch der direkte Dialog wird von einem Erzähler* überbracht und dieser kann wiederum einen Satz getrage oder hektisch vorbringen. Die Unterteilung der zeitlichen Mikrostruktur in zeitdehnend, zeitdeckend und zeitraffend ist also zwar praktisch, entbehrt aber jeglicher theoretischer Grundlage.

Gleichzeitig trifft dieser Ausruf – Space is Time – auf die zeitliche Dartstellung von Small World selbst zu, wenn auch in ganz anderer Art. Part II des Buches besteht aus einem ständigen hin- und herspringen zwischen den verschiedenen Zeitzonen (space is time, anyone?). Dabei kommt der Erzähler immer wieder auf die Geschichte von Morris Zapps Reise zurück. Dazwischen erzählt er, was verschiedene seiner Kollegen zur selben Zeit, nur in anderen Zeitzonen machen. Dabei bleiben gewisse Teile von Morris Zapps Reise ausgespart, was man klassischerweise zeitraffend nennen würde. Das muss es allerdings keineswegs sein, wie auch Aldous Huxley in Brave New World virtuos gezeigt hat: Die ausgesparten Zeitsequenzen werden von anderen Handlungssträngen aufgefüllt.

Somit liegen hier sowohl Merkmale zeitraffender, als auch zeitdeckender Erzählungen vor, ohne, dass man entscheiden könnte, welche es denn nun sei. Im radikalsten Fall, wäre sogar eine Kombination zeitraffender und zeitdehnender Merkmale denkbar.

Das Raum-Zeit-Kontinuum

Beides, der Hinweis auf die Individualität der Leser und die Zeitstruktur von Small World, zeigen, dass die Vorstellung von zeitdehnender, zeitdeckender und zeitraffender Erzählung gewisse Gefahren birgt. Einerseits ist ihr durch die zeitgenössische Hinwendung zum Leser die theoretische Grundlage abhanden gekommen, andererseits lässt sie uns nur allzu leicht gewisse Feinheiten von Literatur übersehen.

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