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„Space is Time“

Dieser Ausruf von Akira Skazaki aus David Lodges Roman Small World trifft den den Nadel auf den literaturtheoretischen Kopf: Zeit, das heißt Erzählzeit, bezeichnet die Dauer, die ein Leser* benötigt, um eine Textpassage zu lesen. Gemessen wird sie, wie man sich denken kann, an der Anzahl der Wörter, oder eigentlich, der Anzahl der Silben. Raum ist also Zeit. Diesen Leser* aber gibt es nicht! Selbst bei dem Paradebeispiel einer ‚zeitdeckenden Erzählung’*, einem Dialog in direkter Rede, kann ich nicht davon ausgehen, dass die Dauer, in der die Passage gelesen wird mit der, in der sie geschieht übereinstimmt. Jeder Leser ließt anders und ebenso spricht jeder Sprecher anders, selbst unter Ausklammerung ihrer gegenwärtigen Situation. Und dann kommt da noch das Problem des vermittelten Erzählens ins Spiel. Denn auch der direkte Dialog wird von einem Erzähler* überbracht und dieser kann wiederum einen Satz getrage oder hektisch vorbringen. Die Unterteilung der zeitlichen Mikrostruktur in zeitdehnend, zeitdeckend und zeitraffend ist also zwar praktisch, entbehrt aber jeglicher theoretischer Grundlage.

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