Archive for the ‘ Literatur ’ Category

„Space is Time“

Dieser Ausruf von Akira Skazaki aus David Lodges Roman Small World trifft den den Nadel auf den literaturtheoretischen Kopf: Zeit, das heißt Erzählzeit, bezeichnet die Dauer, die ein Leser* benötigt, um eine Textpassage zu lesen. Gemessen wird sie, wie man sich denken kann, an der Anzahl der Wörter, oder eigentlich, der Anzahl der Silben. Raum ist also Zeit. Diesen Leser* aber gibt es nicht! Selbst bei dem Paradebeispiel einer ‚zeitdeckenden Erzählung’*, einem Dialog in direkter Rede, kann ich nicht davon ausgehen, dass die Dauer, in der die Passage gelesen wird mit der, in der sie geschieht übereinstimmt. Jeder Leser ließt anders und ebenso spricht jeder Sprecher anders, selbst unter Ausklammerung ihrer gegenwärtigen Situation. Und dann kommt da noch das Problem des vermittelten Erzählens ins Spiel. Denn auch der direkte Dialog wird von einem Erzähler* überbracht und dieser kann wiederum einen Satz getrage oder hektisch vorbringen. Die Unterteilung der zeitlichen Mikrostruktur in zeitdehnend, zeitdeckend und zeitraffend ist also zwar praktisch, entbehrt aber jeglicher theoretischer Grundlage.

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Protantoganisten

Kriemhild showing Gunther's head to Hagen (Joh...
Image via Wikipedia

Wie in meinem letzten Literatur-Post, möchte ich heute wieder den Bogen von ziemlich alter, zu mehr oder weniger neuer Literatur ziehen. Und wie im letzten, wird auch in diesem der ältere Teil vom Nibelungenlied abgedeckt. Es wird (auch von Germanistik Studenten*) einfach zu unrecht als langweilig abgeschoben. But let’s dig into it!

Grundsätzlich lassen sich im Nibelungenlied drei Stoffkreise unterscheiden:

  • Sîfrits Jugend (inklusive Drachenjagt und Schatzgewinn)
  • Sîfrits Werbung um Kriemhilt (inklusive Verrat, Mord und Racheschwur)
  • Der Untergang der Burgonden/Nibelungen (inklusive mächtige Hunnen, die sogar schon in Pöchlarn sitzen!)

Beachtlich dabei ist, dass im gesamten Nibelungenlied Sîfrit der einzige ist, der immer nur als Protagonist gezeichnet wird. Jetzt kann man sich natürlich denken Wie denn auch sonst?! Typisch für eine patriarchale Gesellschaft! Aber abgesehen davon, dass sich im Nibelungenlied durchaus Spuren des Matriarchats finden lassen, ist das noch aus einer ganz anderen Perspektive sehr interessant:

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Die Geister, die ich rief…

By accident I stumbled across this amazing picture.
Shadow by forgottenxIt so happens that I briefly know a photographer who shot a very similar picture seen below (you defenitely have to check out his other works too!) :

heart by ganto

I am not sure what the two photographers wanted to tell us or if at all. Especially the seconde one I find incredibly inspiring for some reason – maybe because it reminds me of You say Party! We say Die!: Monster, one of my favourite songs of all times. While the second photo is more emotional, the first deems me the more philosophical of the two. For me (!) it expresses perfectly the feeling behind one line of German author W. J. v. Goethe: „Die Geister, die ich rief / werd ich nun nicht los“ (~ „the ghosts I called / I know can not quit“). By men’s own creation we – limb and unconciouss – are moved. So, to rephrase Goethe,: „The shadows that I called, befall now me“

Botenpoetologie

Für die Uni lese ich gerade Das Nibelungenlied; und zwar das ‚Original‘. Bisher kannte ich nur Michael Köhlmeiers Bearbeitung dieses klassischen Stoffs und auch wenn diese sicher eigene erzählerische Qualitäten aufweist, wird sie der Komplexität und der spezifischen Erzählsituation des Nibelungenlieds nicht gerecht. Da wäre etwa das, was ich jetzt einmal die Poetologie der Boten nennen möchte.

Sîfrits Ermordung

Sîfrits Ermordung

Besonders gut lässt sich das wohl an der 12. Âventiure (gesprochen Aventüre, ~ Kapitel) zeigen. Diese beginnt mit dem Misstrauen Prünhilts Gegenüber ihrem Mann Gunther, seiner Schwester Krimhilt und deren Mann Sîfrit, dem vermeintlichen Vasallen Gunters. Seit ihrer Hochzeit sind etwa 40 Jahre vergangen und Prünhilt will Sîfrit und Krimhilt wieder sehen. Ihre Versuchen, den König Gunther davon zu überzeugen, und dessen Zieren, werden lang und breit beschrieben. Schlussendliche schickt Gunther Boten nach Norwegen zu seinem Schwager. Genauso wie Gunther ziert sich Sîfrit zuerst (warum ist mir nicht ganz klar). Auch sein Entscheidungsprozess wird genau beschrieben, bevor er die Boten wieder zurück zu Gunther schickt, wo Gunther beginnt, ein Fest vorzubereiten.

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Zwei Geschichten der Schrift


Book of Kells

by losgor

Wir alle kennen die Geschichten von der revolutionären Literatur, die gegen unfaire Machtverhältnisse aufbegehrt oder aufbegehren lässt. Wir kennen ebenso alle die Geschichten von der Literatur, die sich in die Individualität der Menschen (und z.T. Kulturen) einfühlt und sie verstehbar macht. Es ist die generelle Auffassung, Literatur und, im weiteren Sinne, Schrift habe zu mehr Pluralität geführt. Dieser Annahme liegt ein gewaltiger Fehlschluss zugrunde: Die Annahme, Pluralität wäre nur dort vorhanden, wo wir sie auch empirisch-wissenschaftlich nachweisen können, hat kaum Rechtfertigung. Genauso kann eine andere Geschichte der Literatur erzählt werden, in der Schriftlichkeit zu gänzlich gegenteiligen Denkmustern geführt hat.

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The H.P. files

Dobby der Hauself

Dobby, der Hauself

Dieser Artikel liegt nun seit fast einem Monat in der Skizzenlade meines Blogs und es wird langsam Zeit, dass er ausgelüftet wird. Etwas länger hatte ich die Bücher, um die es mir geht nicht mehr in der Hand: J. K. Rowlings Harry Potter Reihe.
Man mag sich fragen, was Harry Potter auf diesem, doch eher kulturwissenschaftlich angehauchten, Blog verloren hat. Aber Rowlings zauberhafte Welt bietet, wie jedwege Hoch- und ‚Nieder’literatur, viele Ansatzpunkte für eine kulturwissenschaftliche Untersuchung. Ich möchte meine Analyse bei der Architektur beginnen.
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Literatur: Science’s Borderland

Mad Scientist

Mad Scientist by TrailofTerror

Als Student der Deutschen Philologie (Germanistik, für alle, die ein ästhetisches Gehör haben) habe ich das Glück, mit einer großen Auswahl an Vorlesungen und Proseminaren konfrontiert zu sein. Anspruchsvolle Lehrende können sogar beinahe über die eklatanten Schwächen des Wiener Bachelor-Systems hinwegtrösten. Für eine der Professorinnen, Fr. Prof. Dr. Eva Horn, musste ich einen etwa 6-seitigen Essay über verrückte Wissenschafter in der Literatur schreiben: Borderland. Die Grenzen der „Mad Scientists“. In ihm stelle ich die Theorie auf, dass es sich bei den Mad Scientists um anthropologische Gedankenexperimente von AutorInnen handelt, weniger um Wissenschaftsbeschreibung und -kritik. Weiterlesen